Eine Sonderausstellung im LVR-LandesMuseum Bonn zeigt Impressionen aus verschiedenen Ländern vom Vorabend des Ersten Weltkrieges. Im Zentrum der Schau „1914 – Die Welt in Farbe“ stehen bislang fast vergessene Farbfotografien und Filme des französischen Bankiers Albert Kahn (1860-1940). Begeistert von dem farbfotografischen Verfahren der Gebrüder Lumière beauftragte er in einer Zeit, als die Nationen Europas bereits zum großen Krieg rüsteten, Fotografen damit, Impressionen aus fremden Ländern festzuhalten, um mit Farbbildern aus aller Welt die Archives de la planète aufzubauen. Fotografiert wurden lokale Szenerien, Menschen in typischer Kleidung, Monumente der Kulturgeschichte und Objekte aus Kunstgewerbe und Handwerk. In dem wahrhaft planetarischen Bildarchiv haben sich über 70.000 Farbbildaufnahmen erhalten. Sie stellen einen immensen ethnografischen Schatz dar und sollten zugleich eine Friedensmission erfüllen: Die Fremde in die Nähe zu holen und den Menschen von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Das sollte den längst brüchig gewordenen Frieden sichern helfen. Wer die Welt in Farbe kennt, sollte keinen Anlass zu aggressiven Handlungen mehr haben – ein medialer Wunschtraum, der einhundert Jahre später im Zeitalter von Internet und sozialen Netzwerken möglicherweise eine Renaissance erlebt.
Die Ausstellung im LVR-LandesMuseum stellt diese faszinierende und immer noch aktuelle Vision in einen zeitgeschichtlichen, keineswegs immer nur friedfertigen Zusammenhang. Die Besucher der Ausstellung sehen unter anderem die im Auftrag von Zar Nikolaus II. entstandenen Farbfotografien des Russischen Reiches von Sergei M. Prokudin-Gorskii, das werbeträchtige „Stollwerck-Album“, das einflussreiche Großprojekt „Bilder aus den deutschen Kolonien“ oder das „Kaiserpanorama“, dessen Farbbilder in 3D damals wie heute faszinieren. Die Ausstellung hat das Ziel, seine Besucher in eine Welt, die ansonsten eher nur in schwarz-weiß bekannt ist, eintauchen zu lassen. Sie können in einigen der kostbaren Farbfotobüchern im Original blättern und sich mit der Technik aus dem Jahr 1902 selber fotografieren.
Die Ausstellung ist Teil des LVR-Verbundprojekts „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ und läuft vom 24. September 2013 bis 23. März 2014. Die Schau in Bonn bildet den Auftakt zu dem Projekt mit zahlreichen Ausstellungen, Exkursionen und einem Kongress zu der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie der amerikanische Historiker George F. Kennan den Ersten Weltkrieg bezeichnete.
Bild auf der Startseite: Albert Kahn, Les Archives de la planète Auguste Léon: Bosnien-Herzegowina, Sarajevo, Brothändler auf dem Markt, 15. Oktober 1912. (Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine)





