In der Tat erscheinen die Jahre zwischen dem Ende der Rationierungen 1958 und der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 vergleichsweise positiv, wenn auch vor allem im Vergleich mit der Zeit des Stalinismus zuvor und der „bleiernen Zeit“ unter Honecker danach. Diesem „kurzen Sommer“ der DDR hat sich nun Gunnar Decker gewidmet, wobei er die kulturellen Entwicklungen der Zeit detailliert inspiziert.
Dreh- und Angelpunkt ist das 11. Plenum des ZK (Zentralkomitee) der SED im Dezember 1965, auch „Kahlschlag-Plenum“ genannt. Geplant zur Absicherung und weiteren Entwicklung der seit 1963 laufenden Wirtschaftsreform, wurde es von einer Gruppe von hohen Funktionären unter Erich Honecker genutzt, um die damalige Reformpolitik Ulbrichts zu beenden. Es ging also um einen Machtkampf, als dessen Feld die Kultur gewählt wurde.
Das „Kahlschlag-Plenum“ selbst, dessen Verlauf Günter Agde erstmals 1991 detailliert nachgezeichnet hat (Aufbau Verlag, Berlin), bedeutete das Ende einer vergleichsweise liberalen Kultur- und Jugendpolitik. Autoren wie Stefan Hermlin, Stefan Heym, Werner Bräunig und Wolf Biermann wurden Nihilismus, Skeptizismus und Porno‧graphie vorgeworfen, Beatmusik untersagt und aus der DEFA-Film‧produktion von 1965/66 ein Großteil verboten, darunter heutige Klassiker wie „Das Kaninchen bin ich“, „Denk bloß nicht, daß ich heule“ und „Spur der Steine“.
Decker zeichnet die Entwicklung von Literatur und Film seit den späten 1950er Jahren detailliert nach, um anschließend die verheerenden Auswirkungen des „Kahlschlag-Plenums“ in ihrer quälenden Hoffnungslosigkeit durchzudeklinieren. Dies bedeutete, neben allen persönlichen Maßregelungen der betroffenen Künstler und Schriftsteller bis hin zur letztendlichen Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976, vor allem den Rückzug aus der Politik, der ein Kennzeichen der zweiten Hälfte der 1960er Jahre war. Die Hoffnung, durch Literatur und Kunst einen besseren Sozialismus als den gegenwärtigen zu erreichen, zerschlug sich im Dezember 1965, und die Folge waren ein verbreiteter Rückzug ins Private, in historische Stoffe und letztlich die Verabschiedung von der Utopie.
Der Band zeigt dies an vielen Beispielen, und darüber hinaus ist er eine geballte Anregung, die Literatur der Zeit erneut und mit wachen Sinnen zu lesen.
Rezension: Dr. Andreas Ludwig





