Im Juni 1760 schrieb Anna Maria Ulisch aus Neu-Gradischka in Slawonien einen Brief an ihre Eltern im oberschwäbischen Jettkofen. Es ist wohl das einzige überlieferte Selbstzeugnis von ihr. Der Brief und einige Erbschaftsunter‧lagen erlauben es, einen Abschnitt ihres Lebens zumindest bruchstückhaft zu rekonstruieren. Anna Maria, eine geborene Irmler, ist vermutlich um 1742 aus Jettkofen nach Ungarn ausgewandert. Über die Gründe, die sie in jungen Jahren zu diesem ihr Leben grundlegend verändernden Schritt bewogen haben, gibt die Überlieferung keine Auskunft. Aber Anna Maria war nicht die Einzige, die in jener Zeit den Entschluss fasste, ihren Heimatort zu verlassen und sich fast 1000 Kilometer südostwärts in Neu-Gradischka anzusiedeln. Der Ort wurde 1748 als Soldatensiedlung unter dem Namen Friedrichsdorf gegründet. Bereits 1750 folgte die Umbenennung in Neu-Gradischka bzw. Neugradiska. Dass es für den im heutigen Kroatien gelegenen Ort auch eine kroatische bzw. serbische – Nova Gradiška – und eine ungarische – Újgradiska – Namensform gibt, weist auf die multiethnische Struktur der Region hin.
In dem rund 18 Jahre nach ihrer Auswanderung geschriebenen Brief an die „herzliebsten Eltern“ beklagt sich Anna Maria, dass ihre letzten Briefe unbeantwortet geblieben seien. Deshalb wiederholt sie frühere Nachrichten. Nach dem Tod ihrer ersten beiden Ehemänner sei sie jetzt in dritter Ehe mit einem Schreiner verheiratet. Weil sie auch einen Schwiegersohn erwähnt, ist davon auszugehen, dass aus den drei Ehen auch Kinder hervorgegangen sind. Ihr Wohnort, so Anna Maria, liege in Slawonien nahe der Save, „2 stund von hier schon alles türkisch ist“. Den Brief beschließt sie mit der Bitte, bald Nachricht von den Eltern und der Verwandtschaft zu erhalten.
Der Brief gehört zu den wenigen Selbstzeugnissen, die aus erster Hand einen Einblick in einen europäischen Migrationsprozess riesigen Ausmaßes bieten. Dieser setzte im späten 17. Jahrhundert ein, erlebte im 18. Jahrhundert seinen Höhepunkt und zog sich bis weit in die Mitte des 19. Jahrhunderts hin. Schätzungen, und nur solche liegen vor, rechnen mit rund einer halben Million Menschen, die aus Mitteleuropa, und hier insbesondere aus dem Gebiet des Heiligen Römischen Reichs, nach Südosteuropa ausgewandert sind. Sie prägten das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Gefüge der Ansiedlungsgebiete nachhaltig.
Nutznießer des Niedergangs des Osmanischen Reichs im 17. Jahrhundert waren das Russische Reich und die Habsburgermonarchie. Die siegreiche Abwehr der osmanischen Belagerung Wiens im Jahr 1683 bildete den Ausgangspunkt für die Rückeroberung Ungarns durch die kaiserlichen Heere. Mit dem 1718 in Passarowitz (Požarevac) geschlossenen Frieden fiel der gesamte mittlere Donauraum an die Habsburger. Damit waren die politischen Voraussetzungen für die neuzeitliche Kolonisation in Südosteuropa geschaffen. Die Wiener Regierung und die priva‧ten Grundherren verfolgten dabei strategische und wirtschaftliche Ziele. Das Gebiet sollte gegen die nach wie vor bestehende osmanische Gefahr gesichert werden und zugleich Einkünfte erwirtschaften. Das war nur unter der Voraussetzung zu erreichen, dass durch gezielte Migrationspolitik die Einwohnerzahl des neueroberten Landes möglichst schnell und dauerhaft erhöht wurde. Mit öffentlichen Aufrufen, begleitet auch von eigens beauftragten Werbern, wurde unter Karl VI., Maria Theresia und Joseph II. im ganzen Reich mit weitreichenden Vergünstigungen für die Ansiedlung in Ungarn geworben. Dazu gehörte die Finanzierung der Reisekosten, der Bau eines Hauses, die Zuteilung von Ackerboden, Zug- und Zuchtvieh sowie Steuerfreiheit für mehrere Jahre.





