Während der späten Bronzezeit in der Zeit um 1300 bis 750 vor Christus herrschte nach vorübergehender Abkühlung wieder ein milderes Klima in Mitteleuropa. In vielen Flusstälern entstanden neue Siedlungen und Gehöfte und die Landwirtschaft in den fruchtbaren Tälern intensivierte sich. Prägend für das Gebiet Mitteldeutschlands und das heutige Sachsen-Anhalt waren dabei vor allem zwei Kulturgruppen: Im Norden dominierte der sogenannte Nordische Kreis, dessen Ursprung in Skandinavien liegt. Weiter im Süden waren die Menschen durch die Lausitzer Kultur geprägt. Für sie typisch waren ausgedehnte Gräberfelder sowie Siedlungen aus Pfostenhäusern, die bevorzugt an südwärts geneigten Hängen von Flusstälern lagen.
Eine dieser Bronzezeitsiedlungen haben nun Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (LDA) im Landkreis Börde entdeckt. Im Vorfeld eines geplanten Stadion- und Sportplatz-Baus führt das Team zurzeit Erkundungen und Ausgrabungen auf einer Fläche von ungefähr 21.000 Quadratmetern am westlichen Ortsrand von Wolmirstedt durch. Das Areal liegt am nördlichen Rand des Flusstals der Ohre, unweit von deren Mündung in die Elbe. Schon bei den ersten Arbeiten stießen die Archäologen auf Spuren einer ausgedehnten bronzezeitlichen Siedlung, darunter Siedlungsgruben, Pfostenlöcher von Häusern und für diese Epoche typische runde, ursprünglich mit Flechtwerk ausgekleidete Vorratsgruben für Lebensmittel. Insgesamt hat das Archäologenteam schon in den erst rund 5000 bisher untersuchten Quadratmetern rund 322 archäologische Befunde dokumentiert und über tausend Funde geborgen.

Ofengruben, Wohnhaus und Weberei
Drei der Gruben auf dem Siedlungsareal stechen heraus, weil sie verziegelte Seitenwände und Fragmente von gebranntem Lehm und Holzkohle enthalten. Dies spricht dafür, dass es sich dabei um bronzezeitliche Öfen handelte. In einem der Öfen entdeckten die Archäologen neben Keramikscherben auch den Panzer einer Sumpfschildkröte – möglicherweise wurde das Tier in diesem Ofen gegart und dann verspeist. Weitere Funde sind neben Tierknochen vor allem Scherben verschiedener Keramikgefäße. Sie stammen von für die späte Bronzezeit charakteristischen rauwandigen Vorratstöpfen und Kochtöpfen sowie von teilweise verzierten Krügen und Tassen, wie das Landesamt berichtet. Aber auch einige Bronzeringe und Pfrieme aus Bronze und Knochen konnten geborgen werden.
Einige Gebäude der Siedlung lassen sich anhand der von ihnen erhaltenen Pfostengruben bereits identifizieren. Demnach handelte es sich um ein größeres Wohnhaus sowie kleinere Wirtschafts- und Speicherbauten. Das Wohnhaus war zweischiffig und rund vier Meter breit und sechs Meter lang, wie die Archäologen berichten. Unweit davon stießen sie auf die Überreste eines weiteren, rund 4 mal 3,30 Meter großen Gebäude, in dem sie mehrere pyramidenförmigen Webgewichte und Reste eines Webstuhls entdeckten. Dies spricht dafür, dass dieses Gebäude als Webhaus genutzt wurde. Ein weiteres, kleines Nebengebäude dieses Gehöfts diente wahrscheinlich als Vorratsspeicher.
Eine rätselhafte Bestattung
Überraschend ist jedoch der Fund eines menschlichen Skeletts mitten in der Siedlung. In der späten Bronzezeit war es eigentlich üblich, Verstorbene zu verbrennen und ihre Überreste in Urnengräberfeldern außerhalb der Siedlungen beizusetzen. Bestattungen intakter Toter innerhalb von Siedlungen kamen zwar vor, waren aber eine seltene Ausnahme. Ein solche haben die Archäologen nun auch in Wolmirstedt entdeckt. Das Skelett stammt von einem männlichen, erwachsenen Toten, der in Hocklage und mit verdrehtem Kopf in einer Siedlungsgrube bestattet worden war. An den Knochen wurden keine Verletzungen oder Mangelerscheinungen festgestellt, die den Tod und die ungewöhnliche Bestattung dieses Mannes erklären würden.
Welche Motivation hinter dieser und ähnlichen „irregulären“ Bestattungen steckt, ist bisher ungeklärt. Denkbar wäre, dass diese Toten im Rahmen ritueller Handlungen in der Siedlung beigesetzt wurden oder dass diese Personen eine besondere soziale Rolle in der Gemeinschaft dieser Siedler einnahmen, wie das Landesamt erklärt. Möglich wäre aber auch, dass diese Erdbestattung in Gruben nur vorübergehend war und der Tote eigentlich später exhumiert und verbrannt werden sollte, es aber nicht mehr dazu kam. Mehr Aufschluss könnten weitere Funde geben, denn die Ausgrabungen werden noch bis zum 15. Oktober 2025 fortgesetzt. Danach werden die Archäologen die Funde und Grabungsdaten genauer auswerten und analysieren. Sie hoffen so, ein vollständigeres Bild dieser Siedlung im kulturellen Grenzraum von Nordischer und Lausitzer Kultur zu gewinnen.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte





