Gigantische Monumentalbauten, faszinierende Kunst und hochentwickelte Gesellschaftsstrukturen – neben seinen vielen kulturellen Errungenschaften war das Alte Ägypten auch in einem weiteren Aspekt wegweisend: Das weitläufige Reich an den Ufern des Nils gilt als erster Territorialstaat der Geschichte. Denn bereits am Ende des 4. Jahrtausends vor Christus entstand ein geeinigtes Staatsgebilde, aus dem sich später das Pharaonenreich entwickelte. Die Nord-Süd-Ausdehnung Ägyptens erreichte damals bereits rund 800 Kilometer. „Es gab vorher auch schon anderswo Herrschaftssysteme, die aber viel kleinflächiger waren“, erklärt Ludwig Morenz von der Universität Bonn. „Tatsächlich gingen mehrere rivalisierende Zentren in dem neuen Zentralstaat auf“, erklärt der Ägyptologe.
Die geheimnisvolle Prädynastik im Blick

Aus dieser sogenannten prädynastischen Phase stammen auch die ersten schriftlichen Zeugnisse der Kultur am Nil. Aus ihnen geht hervor, wie sich eine zunehmend zentrale Verwaltungsstruktur herausbildete, die mit Steuern und Abgaben verbunden war. Die Spuren zeugen von sozio-ökonomischen Abhängigkeiten und dem Gewaltmonopol eines Herrschers, dem göttliche Merkmale zugesprochen wurden. Es ist auch bereits bekannt, dass damals neue Königsgüter in den Randbereichen des Herrschaftsgebiets gegründet wurden, um es zu festigen und auszuweiten. Von diesen sogenannten Domänen zeugen etwa Funde von Etiketten, Rollsiegeln und Gefäßaufschriften.
Bei der Inschrift, über die Morenz und seine Kollegen nun berichten, handelt es sich nun erstmals um ein schriftliches Zeugnis einer solchen Königsdomäne, das eine Art Ortsschild repräsentiert. Die vier in Stein gemeißelten Hieroglyphen wurden im Wadi el Malik östlich von Assuan entdeckt und auf ein Alter von rund 5000 Jahren datiert. Wie die Wissenschaftler berichten, bedeuten die vier Zeichen: “Domäne des Horus-Königs Skorpion”. Die Kreis-Hieroglyphe weist dabei darauf hin, dass es um eine Ortsbezeichnung geht, erklären die Ägyptologen. “Damit handelt es sich um das älteste bekannte Ortsnamenschild der Welt”, interpretiert Morenz. Der Fund eines so alten schriftlichen Zeugnisses an diesem damals eher abgelegenen Ort war eine Überraschung, betonen die Forscher.
Zeugnis des geheimnisvollen Skorpion-Königs
“Dieser Herrscher mit dem Namen ‘Skorpion´ war eine prominente Figur in der Phase der Entstehung des ersten Territorialstaates der Welt”, sagt Morenz. Obwohl seine Existenz auch durch andere Funde belegt ist, bleibt der Skorpion-König allerdings geheimnisvoll: Er lebte um 3070 v.Chr. – doch weitere Details und die Länge seiner Regierungszeit sind unklar. Trotz des nur kurzen Hinweises öffnet die Inschrift somit nun ein weiteres Fenster in die Welt der Entstehung des ägyptischen Staates und der damit verbundenen Kultur, sagen die Wissenschaftler. “Der Prozess der Binnenkolonisation im Niltal wird hier konkret inschriftlich greifbar”, so Morenz.





