„Globalisierung“ ist kein Phänomen, auf das die Moderne einen Exklusivanspruch hat. Schon die griechisch-römische Antike ließ erst die mediterrane Welt und schließlich selbst den eurasischen Großkontinent so weit schrumpfen, das bald jeder Teil zu jedem anderen irgendwie in Beziehung stand. Zu verdanken war das wagemutigen Entdeckern, kühnen Seefahrern und profitgierigen Händlern – sie verwandelten eine Landkarte voller weißer Flecken in eine stetig dichter werdende Kontaktzone.
Bereits am Anbruch der klassischen Antike waren das Mittelmeer und die angrenzenden Teile des Orients eine „Welt in Bewegung“ (Kapitel I). Die Imperien der Bronzezeit standen in regem Austausch miteinander, ihr Kollaps ließ zunächst auch den Fernhandel implodieren. Doch auf den Trümmern des alten Systems entstand bald ein neues: Die Griechen der homerischen Zeit und noch vor ihnen die Phönizier wurden mit ihrer das gesamte mediterrane Becken umspannenden Erschließungs- und Kolonisationstätigkeit (Kapitel II) zu Pionieren der Oikumene, jener stetig wachsenden Kultur- und Erfahrungsgemeinschaft der Menschen am Mittelmeer.
Während die Griechen Kolonien in Italien und im Schwarzmeergebiet gründeten, stießen die Karthager ins Innere Afrikas und die Perser bis nach Indien vor und erweiterten so ihrerseits den geographischen Horizont der Antike (Kapitel III). Das „pulsierende 4. Jahrhundert“ (Kapitel IV) gipfelte in Alexanders Indienzug, der seinerseits eine neue Phase der Interaktion zwischen West (Mittelmeer) und Ost (Indien und China) einläutete (Kapitel V).
Rom schließlich verschaffte West- und Mitteleuropa Anschluss an diese, gemessen am eurasischen Horizont, schon fast globale Oikumene. Vielleicht ist Schulz mit Blick auf die Möglichkeiten der antiken Seefahrer, selbst den Atlantik zu überwinden, ein wenig zu optimistisch, aber die Dimensionen des Luxustransfers auf Seiden-, Weihrauch- und Bernsteinstraße (Kapitel VII) sind ohnehin so eindrucksvoll, dass der geneigte Leser gern Schulz’ Schlusssatz unterschreiben mag: „Und wer weiß …“
Unlängst hieß es, die Universalisierung der alten Geschichte zu einer Verflechtungsgeschichte des Altertums, in deren Horizont selbstverständlich auch Indien, China und das subsaharische Afrika liegen, finde ohne die deutschsprachige Wissenschaft statt. Welch ein Unsinn! Der Bielefelder Historiker Schulz, ausgewiesener Experte in Sachen Seefahrt, hat bewiesen, was ein Einzelner leisten kann, wenn er sich denn traut, in die Rolle des Generalisten zu schlüpfen, der die ganz großen Linien nachzeichnet.
„Abenteurer der Ferne“ ist ein monumentales Werk, welches das Potential der guten alten erzählenden Geschichte bis zur Neige ausschöpft. Mit seiner tatsächlich meisterhaften Meistererzählung generiert Schulz mehr Sinn als so mancher, der sich dem Zeitgeist an den Hals wirft und seine Zuflucht zu „network“ und „postcolonial theory“ sucht. Dieses Buch darf sich keiner entgehen lassen, für den die Antike mehr ist als Griechenland plus Rom.





