Nachdem 1454 erstmals Gutenbergs berühmte gedruckte zweibändige Bibel in Mainz erschien, gründeten sich bereits 1459/1460 die ersten Druckereien in Bamberg und Straßburg. In Straßburg legte Johann Mentelin sein Erstlingswerk (auch eine zweibändige Bibel) im Jahre 1460 vor, und als zweites Zeugnis seiner Presse gilt nun der von Hägele gefundene Ablassbrief von 1461, der gleich in 15 druckfrisch erhaltenen Exemplaren vorliegt. Neue Funde aus dem ersten Jahrzehnt der Buchdruckerkunst waren nach 200 Jahren wissenschaftlicher Inkunabelforschung (lat. incunabula: die Windeln, die Wiege – als die Buchdruckerkunst noch in der Wiege lag) eigentlich kaum mehr zu erwarten.
Auch Gutenberg druckte bereits, parallel zu seiner Bibel, die ersten Einblatt- oder Gelegenheitsdrucke, die häufig der religiösen und politischen Propaganda ihrer Auftraggeber dienten. Den Auftrag zu einem entsprechenden Druck hatte Johann Mentelin wohl vom Wormser Bischof erhalten, der damit die Versorgung des südwestdeutschen Raumes mit Ablassbriefen sicherstellen wollte.
Somit verdient der Fund nach Ansichten des Buchwissenschaftlers Hägele aus mehreren Gründen Beachtung. Zum einen bezeuge er die schnelle und großräumige Verbreitung der noch jungen Buchdruckerkunst über den Ort ihrer Erfindung hinaus. Zum anderen ermögliche er neue Einblicke in den frühesten Straßburger Buchdruck und dessen Erzeugnisse. Wie in Mainz konnte man auch in Straßburg mit diesen in hohen Stückzahlen hergestellten Einblattdrucken in kurzer Zeit gutes Geld verdienen. Dagegen erforderte die Drucklegung umfangreicher Bücher viel höheren Arbeitsaufwand und größeren Kapitaleinsatz.
Der Straßburger Ablassbrief ist weiterhin ein Indiz dafür, wie früh die Kirche die neue Kunst des Druckens für ihre Zwecke instrumentalisierte. Die großen Ablasskampagnen des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts wären ohne das Medium des Buchdrucks nicht möglich gewesen. Die Forschung spricht daher in jüngster Zeit auch pointiert vom „Ablass als Medienereignis“, das der „Reformation als Medienereignis“ vorausgegangen sei.





