Bevor wir uns auf die Suche nach dem Autor von „Ilias“ und „Odyssee“ begeben, wollen wir hier zunächst die Inhalte der berühmten Epen vorstellen: Wer sind jeweils die zentralen Charaktere, und was erleben sie?
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Singe, Göttin, den Zorn des Peleiaden Achilleus, / Der zum Verhängnis unendliche Leiden schuf den Achaiern / Und die Seelen so vieler gewaltiger Helden zum Hades / Sandte, aber sie selbst zum Raub den Hunden gewährte“: Die ersten vier Verse von Homers „Ilias“ stimmen auf das ein, wovon die restlichen 15 689 Verse des Epos berichten: von Achills Zorn, der erst dem griechischen Anführer Agamemnon gilt und dann dem Trojaner Hektor, der seinen Freund Patroklos auf dem Gewissen hat.
Die „Ilias“ und ihre Fortsetzung, die „Odyssee“, stehen am Anfang der europäischen Literaturgeschichte. Die Epen beantworten die Frage gleich selbst, warum man sich im 21. Jahrhundert noch für fast 3000 Jahre alte Geschichten interessieren soll: weil sie von Gewalt, Liebe, Sehnsucht, Rache, Leidenschaft, Würde und Identität handeln – den Themen, die auch heute noch das Menschsein in seinem tiefsten Innern ausmachen. „Ilias“ und „Odyssee“ haben, seit sie um 700 v. Chr. aufgeschrieben wurden, nichts von ihrer Faszination verloren. Die jeweils 24 Bücher der Epen machen auf den modernen Leser einen taufrischen Eindruck.
Berichtet wird von zehn Jahren Krieg und zehn Jahren Irrfahrt. Griechen und Trojaner kämpfen vor den Toren Trojas, weil Helena mit Paris durchgebrannt ist: die Gattin des Spartanerkönigs Menelaos – zu Deutsch „Volksführer“ – mit dem Königssohn aus Troja. Angefangen hat alles mit einem Streit zwischen Hera, Athena und Aphrodite. Die drei Göttinnen zanken sich, wer von ihnen die Schönste ist, und bestellen Paris, den trojanischen Prinzen, zum Schiedsrichter. Jede der drei Damen versucht, Paris zu bestechen. Athena bietet ihm Ruhm, Hera Macht und Aphrodite die Hand von Helena. Die ist zwar die schönste Frau der Welt, aber leider eben schon in festen Händen.
Die Entführung Helenas setzt eine Kaskade von dramatischen Ereignissen in Gang
So löst das Paris-Urteil eine Ereigniskette aus, an deren Ende von Troja nur noch rauchende Trümmer übrig sind. Hera und Athena sind von Paris’ Schiedsspruch enttäuscht. Hera geht so weit, dass sie Rache schwört und fortan den Trojanern das Leben so schwer macht, wie es irgend geht.
Und natürlich geht Menelaos nach der Entführung seines Eheweibes nicht einfach zur Tagesordnung über. Er ruft seinen Bruder Agamemnon zu Hilfe. Dafür, dass die beiden nicht alleine Jagd auf Paris machen müssen, sorgt praktischerweise ein Eid, den einst Helenas Vater Tyndareos auf Odysseus’ Anraten zahlreichen Männern abgenommen hat. Die nämlich hatten um die unwiderstehliche Tochter geworben. Sie mögen die Entscheidung akzeptieren und den Sieger vor eventuellen Nebenbuhlern schützen, hat er sie schwören lassen. Praktisch alle, die in Griechenland Rang und Namen haben, stehen damit im Wort. Ob sie wollen oder nicht: Sie müssen mit Agamemnon und Menelaos in den Krieg ziehen.
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Natürlich hat sich Paris in der Zwischenzeit längst aus dem Staub gemacht. Über Zypern und Phönizien ist er mit Helena im Schlepptau in Troja angelangt, vor dessen Toren wenig später das große Heer der Griechen auftaucht. Neun lange Jahre belagern sie die stark befestigte Stadt im Nordwesten Kleinasiens. Die Zeit dehnt sich für die griechischen Helden zu Äonen.
Eigentlich sind sie Action gewohnt, jetzt aber sollen sie Felder pflügen, weil auch sie irgendwie satt werden müssen. Zu Beginn des zehnten Kriegsjahres dann macht das Heer der Griechen endlich fette Beute. Und hier setzt Homers Handlung ein. Das ist der Clou am Epos: Der Dichter verzichtet darauf, die eher öden Kriegsjahre zu schildern, und wirft den Hörer beziehungsweise Leser genau in den Moment hinein, ab dem es interessant wird. Nur 51 Tage umfasst die Handlung der „Ilias“, aber was für 51 Tage! In ihrem Verlauf entscheiden sich nicht nur menschliche Schicksale, sondern der gesamte Krieg.
Der Schatz, der den Griechen ins Netz geht, ist Chryseis, die Tochter des örtlichen Apollo-Priesters Chryses. Das hübsche Mädchen wird prompt dem Chef zugesprochen: Agamemnon. Als Chryses sich ins griechische Lager aufmacht, um die Freilassung seiner Tochter zu erwirken, bürstet Agamemnon den Priester kaltschnäuzig ab. Doch der hat nun einmal die besseren Beziehungen zu Apollo. Der Gott erscheint höchstpersönlich vor dem Griechenlager und schießt ein paar Pfeile hinein, die mit einer hochinfektiösen Krankheit imprägniert sind. „Rastlos brannten die Totenfeuer in Menge“, kommentiert Homer das Geschehen.
Streit im Lager der Griechen
Was also tun? Nach neun Tagen des Sterbens schicken die ratlosen Griechen Achill vor, der eine Heeresversammlung einberuft und von Agamemnon die Freilassung des Mädchens fordert. Der ist wenig erbaut, lenkt aber schließlich ein. Weil er aber nun einmal der Anführer ist, hält er sich bei Achill schadlos, der ebenfalls eine Kriegsgefangene zu seiner Geliebten gemacht hat: Briseis. Achill nützt es wenig, dass er der stärkste Held der Griechen ist. Agamemnon holt sich das Mädchen.
Achill gerät darüber so in Rage, dass er aus dem Lager stürmt und seine Mutter Thetis, die Meeresgöttin, bittet, bei Zeus vorstellig zu werden und ihn zu bitten, fortan nur noch die Trojaner siegen zu lassen. Als besonders perfide Dreingabe schickt der Göttervater Agamemnon sogar noch einen Traum, der ihn glauben lässt, er werde die Trojaner jetzt endlich besiegen.
Vorhang auf für das große Gemetzel! Die Ouvertüre ist ein Zweikampf zwischen Menelaos und Paris, in dem der Spartaner schon wie der sichere Sieger aussieht, als Zeus in letzter Minute in das Gefecht eingreift und sein Schwert in Altmetall verwandelt. Doch Menelaos kann Paris auch mit purer Körperkraft fertigmachen, denkt er. Er greift ihn am Helm und will ihn hinter sich herschleifen. Da plötzlich löst Aphrodite den Kinnriemen. Ein verdutzter Menelaos hat auf einmal nur noch den Helm seines Gegners in der Hand. Als Menelaos schließlich mit dem Speer zum tödlichen Stoß ausholt, hüllt die Göttin der Schönheit ihren Schützling in dichten Nebel und beamt ihn ins sichere Troja, mitten in den Palast zu Helena. Dreifaches Pech für Menelaos.
Vor den Mauern Trojas beginnt die Schlacht
Nachdem der Versuch, die Sache doch noch im Zweikampf unter Männern zu regeln, gescheitert ist, prallen die Heere frontal aufeinander. Bald türmen sich Leichenberge in der Ebene vor Troja. Nicht einmal die Götter sind vor Blessuren sicher. Diomedes, der König von Argos, gerät in eine solche Raserei, dass er – unterstützt von Athena – nicht nur den Trojaner Aeneas in schwere Bedrängnis bringt, sondern auch Aphrodite und den Kriegsgott Ares verwundet.
Immer wieder richtet Homer den Lichtkegel während der jetzt folgenden vier Schlachttage auf einzelne Helden und ihre „Aristien“: Momente berserkerhafter Bewährung im Kampfgeschehen, mit einem Großaufgebot an Gewalt, Toten und Verletzten. Immer brenzliger wird die Lage für die Griechen, denen es auch wenig hilft, dass sie ihr Lager mit einer improvisierten Mauer geschützt haben.
Mit Achill hat sich sein jugendlicher Freund Patroklos aus dem Krieg zurückgezogen, doch jetzt, in der höchsten Not der Griechen, brennt er darauf, wieder in den Kampf einzugreifen. Er fragt Achill um Erlaubnis, der sie unter zwei Bedingungen gewährt: Patroklos soll in Achills eigener Rüstung kämpfen, die er ihm ausleiht, und er soll lediglich das Lager der Griechen verteidigen, ohne selbst in die Offensive zu gehen. Doch Patroklos erlebt seine eigene Aristie, tötet den trojanischen Helden Sarpedon und vergisst prompt den zweiten Teil der Abmachung.
Dreimal stürmt er vergeblich gegen die Mauern von Troja, beim vierten Mal betäubt ihn Apollon, und Patroklos wird verwundet. Plötzlich steht er Hektor gegenüber, dem stärksten Helden der Trojaner: Hektor „lief ihm nach durch die Reihen und stieß aus der Nähe die Lanze / Unten hinein in die Hüfte und trieb hindurch ihm die Spitze. / Dumpf erdröhnte sein Fall, der betrübte das Volk der Achaier.“ Hektor und Ajax liefern sich darauf einen erbitterten Kampf um Patroklos’ Rüstung, aus dem Hektor als Sieger hervorgeht.
Zweikampf zwischen Achill und Hektor
Betrübter als alle anderen Griechen ist Achill. Der Verlust des geliebten Freundes bewirkt etwas in ihm, das alles Bitten und Flehen der Griechen bis dahin nicht vermocht hat: Achill ringt sich dazu durch, mit Agamemnon Frieden zu machen und wieder an der Seite der Griechen zu kämpfen, um Rache an Hektor zu üben.
Damit verurteilt er sich selbst zum Tode, denn wie Thetis weiß, wird Achill – dessen Vater Peleus ein Mensch war – sterben, sobald er Hektor überwunden hat. Dennoch lässt sie den göttlichen Schmied Hephaistos eine neue Rüstung für Achill anfertigen. Schmuckstück ist der von Homer genauestens beschriebene Schild, auf dem Szenen menschlichen Lebens zum Kosmos in Beziehung gesetzt werden.
Kaum kämpft Achill wieder aufseiten der Griechen, wendet sich das Blatt. Die trojanischen Helden fallen gleich kompanieweise, der Fluss Skamander färbt sich vor lauter Blut rot. Während die überlebenden Trojaner in die Stadt flüchten, macht sich Hektor bereit für den Zweikampf gegen Achill. Als der griechische Held heranstürmt, sucht er dann aber doch sein Heil in der Flucht. Dreimal hetzt Achill den Gegner um die Stadt, bevor er ihn schließlich stellt.
Die Götter, tief gespalten über den Krieg, wägen das Schicksal der Kontrahenten, und die Waage schlägt zu Ungunsten Hektors aus. Er trägt die Rüstung, in der er Patroklos getötet hat, doch auch die kann ihn nicht retten: „Nur wo das Schlüsselbein Hals und Schultern begrenzt, an der Gurgel, / Schien er entblößt, an der allergefährlichsten Stelle des Lebens. / Hier durchbohrte den Stürmenden gleich mit dem Speere Achilleus. / Geradewegs durchfuhr das Genick die Spitze der Lanze.“ Trotzdem hat Hektor noch genug Atem, um Achill zu bitten, seinen Leichnam den Trojanern zurückzugeben – und ihm den Tod zu weissagen.
Am nächsten Tag wird erst einmal Patroklos bestattet. Zu seinen Ehren finden sportliche Wettkämpfe statt: Olympia mitten im Krieg. Doch Achills Zorn ist noch nicht verraucht. Er bindet Hektors Leichnam an seinen Streitwagen und schleift ihn um die Stadt, während die Witwe, Andromache, von der Mauer aus zusieht und in Ohnmacht fällt. Schließlich entscheiden die Götter, dem würdelosen Spektakel Einhalt zu gebieten. Priamos, der König von Troja und Hektors Vater, macht sich auf ins Lager der Griechen und bietet Achill Lösegeld für die Rückgabe seines Sohnes an. Er tritt an Achills Zelt, wird eingelassen und bewirtet. Mit dem toten Sohn kehrt er nach Troja zurück. Der zornige Held Achill ist am Ende doch noch Mensch geworden.
Hier endet die „Ilias“. Achills Ende ebenso wie das Ende des Trojanischen Krieges bleiben in der „Ilias“ unerzählt. Sie können nur aus Rückblenden der „Odyssee“ erschlossen werden – und aus teilweise viel späteren literarischen Verarbeitungen. Odysseus besucht Achill im Hades, der wenig Erbauliches über das Leben im Totenreich zu berichten hat. Die Achillesferse – die einzig verwundbare Stelle am Körper des Helden – ist eine späte Zutat zum Mythos, von der die homerischen Epen nichts wissen. Das Trojanische Pferd, eine Idee des Odysseus, taucht ebenfalls erst in der „Odyssee“ auf, in der Rückschau des listenreichen Helden.
In der „Odyssee“ wird der Horizont stark erweitert
Odysseus ist der Held des zweiten homerischen Epos, der nach ihm benannten „Odyssee“. Am Ende der zehnjährigen Irrfahrt durch das Mittelmeer findet er auf die Insel Ithaka zurück, zu seiner Gemahlin Penelope, die tatsächlich all die Jahre auf Odysseus gewartet hat. Während das große Thema der „Ilias“ der Krieg und die Bewährung der Helden ist, weitet die „Odyssee“ den geographischen Horizont. Im Epos spiegelt sich die Reise ins Unbekannte, die viele Griechen während der sogenannten „Großen Kolonisation“ ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. antraten. Weil es im Mutterland zu eng geworden war, ließen sie sich an fernen Küsten nieder.
So verschlägt der Zorn des Meeresgottes Poseidon auch Odysseus mit seinen Gefährten in eine Welt, in der Zauberkräfte walten und Fabelwesen ihr Unwesen treiben. Sieben Jahre verbringt er auf der Insel der „schöngelockten“ Nymphe Kalypso, die ihn erst nach einer Intervention der Götter ziehen lässt. Von seinen Abenteuern berichtet Odysseus selbst dem König der Phäaken, seiner nächsten Station auf der Irrfahrt. So erfahren wir von seiner Stippvisite im Land der Lotophagen, Menschen, die sich von bewusstseinserweiternden Früchten ernähren. Oder von der fatalen Landung auf der Insel der menschenfressenden Lastrygonen, Riesen, die den Großteil von Odysseus’ Flotte durch Steinschlag vernichten und etliche seiner Männer am Spieß grillen.
Schon harmonischer verläuft Odysseus’ Liaison mit der Zauberin Kirke, die seine Gefährten in Tiere verwandelt, sie aber schließlich wieder freigibt, um Odysseus’ Geliebte zu werden. Mit knapper Not gelingt es Odysseus, zwischen zwei Seemonstern hindurchzunavigieren. Den lockenden Klängen der Sirenen widersteht er nur, weil er, wie Kirke ihm geraten hat, seine Gefährten Wachs in die Ohren stopfen lässt, während er selbst sich an den Mast binden lässt. Ganz nebenbei hat Homer mit Skylla und Charybdis sowie den Sirenenklängen Redewendungen für Jahrtausende geschaffen.
Nur knapp dem Tod entgeht der Held auch auf der Insel der Kyklopen. Ahnungslos landen die Griechen auf der Insel. Odysseus und zwölf Gefährten erreichen eine Höhle voller Vorräte. Als sie sich gerade darüber hermachen wollen, kommt der Hausherr mit seiner Ziegenherde zurück: der einäugige Riese Polyphem („der Vielberühmte“). Es hilft auch nichts, dass Odysseus das bei allen Mittelmeerbewohnern hoch im Kurs stehende Gastrecht anruft. Statt einer Antwort greift sich Polyphem zwei Gefährten und isst sie auf.
Am zweiten Tag – Polyphem hat noch zwei weitere Gefährten verspeist – bietet Odysseus dem Riesen Wein an und bringt ihn zum Reden. Nach seinem Namen gefragt, antwortet Odysseus, er heiße „Niemand“. Als der betrunkene Kyklop in einen tiefen Schlaf fällt, rammen Odysseus und seine Leute ihm einen glühenden Pfahl in sein einziges Auge. Rasend vor Schmerz ruft er um Hilfe. Als die herbeieilenden Kyklopen ihn fragen, was denn los sei, antwortet er: „Freunde! Niemand will mich mit List und Stärke ermorden.“ Kopfschüttelnd machen sich die anderen Kyklopen auf und davon. Odysseus und den verbliebenen Gefährten gelingt es am folgenden Tag, zu entkommen. Sie klammern sich an die Bäuche der Ziegen, als Polyphem sie auf die Weide treibt.
Odysseus übersteht alle diese – und viele andere – Gefahren mit einem klaren Ziel vor Augen: Er will zurück nach Ithaka, in die Arme seiner treuen Gattin Penelope und seines Sohns Telemachos. Die Königin von Ithaka steht ihrem Gatten an Einfallsreichtum in nichts nach. Um die zahlreichen Freier abzuwehren, die nach Odysseus’ langer Abwesenheit um ihre Hand anhalten, greift sie zu einem Trick. Sie erklärt, bevor sie wieder heiraten könne, müsse sie erst ein Totenkleid für ihren Schwiegervater Laertes weben. Allerdings ribbelt sie in der Nacht alles wieder auf, was sie am Tag gewoben hat.
Den Helden erwartet auf Ithaka ein Happy End
Als eine Dienerin den Freiern verrät, dass sie zum Narren gehalten werden, ersinnt Penelope eine neue List. Sie werde den erhören, dem es gelinge, mit Odysseus’ Bogen zwölf Axtringe zu durchschießen. Doch der Bogen ist verhext: Keiner der Freier kann ihn überhaupt nur spannen.
Da, plötzlich, kommt ein Bettler des Wegs. Er greift den Bogen, spannt ihn und durchschießt mühelos alle zwölf Axtringe. Dann gibt er sich als Odysseus zu erkennen, richtet ein Massaker an den Freiern sowie den untreuen Dienern an und feiert Wiedersehen mit Penelope. Die Irrfahrt endet mit einem Happy End. Der Held kann seinen Vater Laertes und den nun erwachsenen Sohn Telemachos wieder in die Arme schließen.
Odysseus hat in Penelope eine Gefährtin auf Augenhöhe. Ihm ebenbürtig in List und Beharrlichkeit, gelangt sie am Ende als strahlende Siegerin ans Ziel. Ihre Antipodin in der „Ilias“ ist Andromache, die mit Hektor alles verliert. Beide Frauen sind keine Nebenfiguren, sondern die emotionalen Brennpunkte ihrer Epen. Beide sind Belagerte – Penelope im eigenen Haus, Andromache in der untergehenden Stadt. Doch Penelope widersteht, während Andromache, „die gegen Männer Kämpfende“, jeden ihrer Kämpfe verliert: den gegen das Schicksal, den gegen die heroische Ethik der Männer und den um die Zukunft ihrer Familie.
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