Im Glauben der alten Ägypter war eine möglichst gute Konservierung des Körpers wichtig für das Weiterleben ihrer Toten im Jenseits. Um dies zu erreichen, unterzogen Einbalsamierer und Priester die Leichname hochrangiger Toter einer aufwendigen, bis zu 70 Tage dauernden Prozedur. Zum Schutz und als Gaben für die Götter der Unterwelt wickelte man zudem oft auch Amulette, Schmuckstücke und andere Gaben mit in die Binden der Mumien ein. Reiseproviant und kostbare Grabbeigaben sollten das Wohlergehen im Jenseits sicherstellen. Dank dieser Praxis gaben ägyptische Mumien einzigartige Einblicke in das Denken und die Lebenswelt im alten Ägypten.
Mumie mit Papyrus auf dem Bauch
Einen ganz besonderen Einblick liefert nun eine Mumie, die Archäologen in der Nekropole der antiken Stadt Oxyrhynchus entdeckten. In der griechisch-römischen Ära war diese rund 160 Kilometer südlich von Kairo gelegene Stadt eines wichtigsten Zentren Ägyptens. Bei Ausgrabungen im Dezember 2025 stieß ein Team um Núria Castellano von der Universität Barcelona in der Totenstadt von Oxyrhynchus auf eine zuvor unerkannte Grabanlage. Der aus Kalkstein errichtete Grabkomplex aus der Zeit vor rund 1.600 Jahren besteht aus drei Kammern, in denen das Team verzierte Holzsarkophage mit Mumien entdeckte. Grabräuber hatten dieses Grab zwar schon geplündert und einige Sarkophage und Mumien beschädigt, dennoch sind einige erhalten geblieben.
Als die Archäologen die Mumien nach ihrer Bergung näher untersuchten, entdeckten sie einen Papyrus mit griechischem Text auf dem Bauch eines der Toten. „Dies ist nicht das erste Mal, dass wir gebündelte, versiegelte und sorgsam eingepackte Papyri in Mumien gefunden haben“, erklärt Ignasi-Xavier Adiego, Leiter des Oxyrhynchus-Projekts. Der Inhalt dieses unter den Binden verborgenen Textes erwies sich jedoch als überraschend. Denn auf dem Papyrus stand ein Auszug aus der berühmten „Ilias“ von Homer. In diesem Werk erzählt der griechische Dichter die Geschichte des trojanischen Krieges. Der an der Mumie gefundene Textabschnitt stammt aus dem sogenannten „Katalog der Schiffe“, in dem Homer die vor der Küste Trojas liegende griechische Flotte beschreibt.
„In der Geschichte der Archäologie beispiellos“
Wie die Archäologen erklären, ist dieser Fund bislang einzigartig. „Zwar wurden schon viele Papyri in Oxyrhynchus gefunden, darunter auch bedeutenden literarische Texte. Das Neue ist hier jedoch, dass ein solcher literarischer Papyrus im Kontext einer Bestattung entdeckt worden ist“, erklärt Adiego. Noch nie zuvor habe man einen literarischen Text in einer ägyptischen Mumie gefunden – das sei in der Geschichte der Archäologie bisher beispiellos. Ungeklärt ist allerdings, warum ausgerechnet dieser Verstorbene ein literarisches Werk als Jenseits-Lektüre mit ins Grab bekam. Auch wer der Tote war, ist noch unbekannt.
Quelle: Universidad de Barcelona





