Lange glaubte man, dass die Menschheit erst mit der Sesshaftigkeit und der Entstehung größerer, hierarchischer Gesellschaften auch dazu imstande war, Großbauwerke zu errichten. Denn diese erforderten das koordinierte Zusammenwirken viele Einzelner. Doch Entdeckungen wie die Steinkreise von Göbekli Tepe in Anatolien oder kilometerlange Wildtierfallen in der arabischen Wüste widerlegen dies. Sie sind bereits gut 10.000 Jahre alt und wurden von steinzeitlichen Jägern und Sammlern errichtet. Auch auf Grönland und am Grund der nordamerikanischen Great Lakes haben Archäologen ähnliche, von Jägern und Sammlern der Eiszeit errichtete Jagdbauten entdeckt.
Fund in der Mecklenburger Bucht
Doch ob es vergleichbare Megastrukturen auch in Mitteleuropa gab, war bisher unklar. “Diese Strukturen blieben im dicht besiedelten Zentrum des europäischen Subkontinents meist nicht erhalten”, erklären Jacob Geersen vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde und seine Kollegen. Wenn solche Bauten überdauert haben, dann höchsten in den küstennahen Bereichen der Nord- und Ostsee. Denn während der letzten Eiszeit lag der Meeresspiegel deutlich niedriger als heute, sodass weite Bereiche des Meeresgrunds damals Land waren. Eines dieser Gebiete ist die maximal 28 Meter tiefe Mecklenburger Bucht in der Ostsee.
Jetzt haben Geersen und seine Kollegen bei einer hydroakustischen Vermessung am östlichen Rand der Mecklenburger Bucht eine ungewöhnliche Struktur entdeckt. Es handelt sich um eine fast einen Kilometer lange und etwa einen Meter hohe Erhebung. Diese “Blinkermauer” getaufte Struktur liegt in rund 21 Meter Tiefe und endet im Nordosten an einem rund acht Meter hohen Hügel. “Videoaufnahmen von verschiedenen Abschnitten dieser Mauer bestätigten, dass die Blinkermauer von einer Abfolge einzelner Steine gebildet wird”, berichten die Forschenden. 1.673 kleinere und größere Felsbrocken sind demnach zu einer 971 Meter langen Mauer aufgereiht.
Steinzeitmauer als Jagdhilfe?
“Die Blinkermauer repräsentiert eine außergewöhnliche morphologische Struktur, wie sie noch nie zuvor irgendwo in der Ostsee dokumentiert worden ist”, konstatieren die Wissenschaftler. Ihren Analysen zufolge muss die versunkene Steinreihe schon mehr als 10.000 Jahre alt sein. Sie entstand demnach, als dieser Teil der Mecklenburger Bucht noch nicht überflutet war. “Es gibt natürliche Prozesse, die Steine in dieser Weise transportieren können. Aber sie sind sehr selten und an ganz spezielle geologische Umstände gebunden”, erklären Geersen und sein Team.
Die Forschenden halten es daher für wahrscheinlicher, dass die steinzeitliche Megastruktur von Menschenhand geschaffen wurde. Eiszeitliche Jäger und Sammler könnten demnach diese Steine aufgereiht haben. Dafür spreche auch, dass die schwersten und größten Steine nicht zufällig verteilt zu sein scheinen: “Die zehn schwersten Steine liegen alle in den Bereichen, in denen die Steinmauer ihre Richtung ändert”, so Geersen und seine Kollegen. Wozu die Steinmauer damals diente, ist noch unklar. Die Wissenschaftler vermuten jedoch, dass sie – ähnlich wie die Wildtierfallen in der arabischen Wüste – als Jagdhilfe diente. Die Blinkermauer könnte demnach Rentierherden umgelenkt und auf natürliche Hindernisse wie einen Hügelgrat oder Tümpel zugetrieben haben. Dort konnten die Jäger ihre Beute dann leichter erlegen.





