Alexander Demandt ist es nun in seinem hinreißenden Buch gelungen, die militärischen, politischen und kulturellen Leistungen Alexanders in ihrer Ambivalenz von Genialität und Wahnsinn sowie deren jeweils auf die einzelnen Lebensetappen bezogene legendäre Ausgestaltung durch die Nachwelt in einer großen Darstellung zusammenzufassen.
Er beschreibt ausführlich den Weg Alexanders zum Herrscher über Makedonien und Griechenland. Daran schließen sich in seiner spannenden Erzählung der Alexanderzug durch Kleinasien und Ägypten, die Schlachten mit dem persischen Großkönig Dareios, schließlich der Weg Alexanders bis in das Wunderland Indien und die verlustreiche Heimkehr nach Babylon an. Auch Strukturelles wird geboten, wie etwa der Überblick über die Anfänge des Hellenismus oder die Grundprinzipien von Alexanders Herrschaft.
Der neue und großartige Zugriff Demandts aber besteht darin, dass gleichzeitig Alex-anders Bild im Spiegel der Rezeption von der Antike bis zur Gegenwart erzählt wird, die Aneignung also nicht nachklappt, sondern integraler Bestandteil der Darstellung geworden ist. Dadurch, dass der Autor das Legendäre nicht abtrennt, sondern mit der Ereignisgeschichte verbindet, stellt sich das Leben Alexanders nämlich als ein enormes Wirkungsphänomen dar. Was der berühmte Makedonenheld bei der Welteneroberei so alles angestellt und erlebt haben soll, gehörte nämlich auch zu einem der größten Exempel des Mittelalters, da Alexander der Große den gesamten Erdkreis nun als Verkörperung des idealen Ritters durchstreifte – zumindest in den höfischen Erzählungen.
Den Ursprung dieser Geschichten bildeten spätantike Quellen über Alexander, aus denen fast unerschöpflich der mittelalterliche Alexander-Mythos sprudelte. Durch die zahllosen Übersetzungen und Abwandlungen des eigentlich griechischen Alexander-Romans, das ständig veränderte Aufgreifen und Anpassen von Episoden an den Zeit‧geschmack, das Erfinden ganzer neuer Passagen, entstand der Held immer wieder neu. In diesen Werken schuf sich die Nachwelt gemäß ihren Vorstellungen, Wünschen und Phantasien einen eigenen Alex‧ander, der kaum etwas mit der Person zu tun hatte, die einst den Bukephalos ritt.
Für die Büchersammlung Kaiser Friedrichs II. hatte zum Jahresende 1237 der Richter Quilichinus von Spoleto zur Belehrung eine Fassung der „Historia Alexandri Magni“ in lateinischen Distichen vollendet, die im 14. Jahrhundert sowohl ins Italienische übersetzt als auch als „Wernigeroder Alexander“ in deutscher Sprache weiter bearbeitet wurde. Dies ist nur eines der vielen Beispiele, warum die Alexander-Geschichte der nach der Bibel am weitesten verbreitete Stoff des Mittelalters oder vielleicht überhaupt der Weltliteratur geworden ist. Hätte der Kaiser Alexander Demandts wunderbares Buch über Alexander den Großen als Memorialphänomen gekannt, er hätte es sicher gern zu seinen Bücherschätzen gezählt.





