Schon die Meinungen seiner Zeitgenossen über Alkibiades gingen weit auseinander: War er nun ein durch Luxus und Großmannssucht verdorbener Möchtegerntyrann oder nicht doch eher ein Wohltäter seines Volkes, lupenreiner Demokrat und Patriot, den seine Neider zur Preisgabe der Heimat zwangen? Auch die Forschung zeigt sich in ihren Bewertungen dieses Staatsmannes durchaus polarisiert.
Elegant und anschaulich präsentiert der Wiener Historiker und Altphilologe Herbert Heftner die Biographie des Alkibiades, eingebettet in die Strukturen seiner Zeit. Er zeichnet das kultur- und ereignisgeschichtliche Panorama einer Demokratie, in der alle Beschlüsse zwar vom Volk ausgingen, in der es aber doch die adligen Demagogen waren, welche die Politik maßgeblich steuerten. Sie waren bestrebt, zum Erwerb persönlichen Ruhms ihre eigenen Interessen innerhalb des Systems, doch durchaus auch gegen das System durchzusetzen. Für die Anerkennung, der wertvollste Teil der Bürgerschaft zu sein, akzeptierten sie dann auch die demokratische Ordnung.
Alkibiades war der herausragende Vertreter dieser Gruppe, dem sein extravaganter Lebensstil und aristokratischer Habitus auch beim einfachen Volk mehr Sympathien als Abneigung einbrachten. Offenbar lag dies an seinem besonderen Charisma, das in den antiken Quellen immer wieder durchscheint. Die Texte kommen, dem Konzept der Reihe „Gestalten der An‧tike“ folgend, ausführlich zu Wort. Am Ende steht für Heftner das wohlbegründete Urteil, dass die Größe des Alkibiades eher in seinem Potential als in tatsächlicher Leistung gelegen habe, eher in bemerkenswerter Fähigkeit zur Selbstinszenierung als in einer klaren Linie.
Rezension: Dr. Gunnar Seelentag





