Homer war für die antike Geisteskultur ein Neubeginn. Seine Epen bildeten ein vorbildhaftes Muster intelligenten und ästhetisch hochstehenden Sprechens und ein Beispiel kluger und sensibler Welt- und Menschendeutung. Sich ihrem Einfluss zu entziehen war von Anfang an unmöglich. Treffend drückt dies einer der ersten Philosophen des Abendlands aus, Xenophanes von Kolophon (Ost-Ionien; um 500 v. Chr.): „da ja von Anbeginn nach dem Homeros gelernt haben alle“. Zwar steht dieser Hexameter als Fragment isoliert da, so dass wir nicht wissen, was genau „alle nach dem Homer gelernt“ haben sollen, doch an der Substanz des Satzes ändert sich dadurch nichts: Alle kennen Homer.
Xenophanes war einer der führenden Intellektuellen seiner Zeit. Um so weit zu kommen, muss er eine hervorragende Ausbildung genossen haben. Das war zu dieser frühen Zeit nur den Söhnen der Aristokratie vergönnt, und aus dieser rekrutierte sich die Führungsschicht: Politiker, Generäle, Wissenschaftler, Rechtskundige, Ärzte… „Alle“ bedeutet bei Xenophanes mithin: Die gesamte geistige Elite Griechenlands war mit Homer aufgewachsen. Dabei blieb es auch weit über Xenophanes hinaus.
Die Wirkungen der Homerischen Epen waren zahlreich, vielfältig und stark verästelt. Sie zeigen sich nicht nur an der Oberfläche, etwa in Zitaten, Anspielungen, Imitationen, Polemiken usw. Ihren nachhaltigsten Einfluss üben sie vielmehr in der Tiefenschicht des Denkens aus, im Konzipieren, Strukturieren, Formulieren – im permanenten Bestreben, das von Homer vorgegebene Niveau zu halten und zu übertreffen. Diese Wirkungen lassen sich jedoch schwer beschreiben, und so begnügen wir uns mit den augenfälligeren Wirkungsbereichen seines Einflusses.
Ausstrahlungen der Homerischen Epen finden wir zuerst in der frühgriechischen Kunst, Lyrik und Philosophie, von der wir allerdings nur winzige Überreste haben. Die großen Wandmalereien etwa, von denen die Vasenbilder nur den Abglanz in der Kleinkunst bilden, sind für immer verloren. Ähnlich in der Literatur: Die frühgriechische Dichtung und Philo‧sophie war, wie wir etwa aus den Katalogen späterer Bibliothekare wissen, umfangreich. Fast alle Texte sind verloren, erhalten haben sich nur Fragmente. Da aber sogar in dem wenigen, das zufällig bis zu uns gelangt ist, relativ viel Homerisches zu finden ist, können wir folgern, dass Homers Wirkung schon früh enorm gewesen sein muss…
Prof. Dr. Joachim Latacz





