Seit dem 14. Jahrhundert verbreitete sich die Kenntnis über Schießpulver in ganz Europa, und man entwickelte Feuerwaffen, die als Kanonen, Mörser und Hakenbüchsen das Kriegsgeschehen in den nächsten Jahrhunderten übertönen sollten. Anfangs waren diese Waffen vor allem laut und keineswegs sehr zielgenau, so dass Schwert, Lanze, Armbrust und Steinschleudern noch bis um 1500 kriegsbeherrschend blieben. Die älteste sicher datierbare Feuerwaffe kam 1399 bei der vergeblichen Verteidigung der Burg Tannenberg nahe Darmstadt zum Einsatz. Um 1500 hatten sich die inzwischen stark verbesserten Feuerwaffen über Europa verbreitet, wobei man in ‧erster Linie „Hakenbüchsen“ nutzte, also Vorläufer unserer Gewehre. Sie haben an der Unterseite einen Haken, um den Rückstoß aufzufangen. Die Schießscharten für solche Büchsen hatten ein „Prellholz“, in das der Haken eingehängt wurde, und zudem oft die Form eines Schlüssellochs: Ein schmaler Schlitz diente zum Zielen, die untere Rundung zum Auflegen der Büchse.
Gegen den Angriff von Hakenbüchsen baute man Batterietürme mit meterdickem Mauerwerk, denen Büchsenkugeln keinen Schaden anhaben konnten. Da die Waffentechnik bald auch die Produktion schwerer Kanonen erlaubte, brauchte man nun Festungen mit Bastionen, die dem Kampf gegen Kanonenkugeln gewachsen waren. Große Festungsanlagen blieben aber die Ausnahme; wo sie entstanden, waren sie Teil einer Erweiterung bzw. Erneuerung bestehender Adelssitze. Es gibt im 16. Jahrhundert in Deutschland noch keine Festung ohne einen adligen Wohnsitz in der Mitte. Rein militärisch genutzte Festungskasernen entstanden erst nach dem Dreißigjährigen Krieg.
Den schwergerüsteten Ritterheeren bereiteten die Feuerwaffen um 1500 ein Ende, wie die vernichtende Niederlage eines habsburg-tirolerischen Ritterheeres gegen Schweizer Truppen im Engadinerkrieg 1499 augenfällig macht. Nach der gängigen Forschungsmeinung hat die Verbreitung von Feuerwaffen, insbesondere die der mauerbrechenden schweren Kanonen, bewirkt, dass man Burgen als nicht mehr verteidigungsfähig erkannte und die Epoche der Burgen zu Ende ging. Als konkretes Ereignis werden gern die Bauernkriege 1525 angeführt, denen in der Tat etliche Burgen zum Opfer fielen. Es ist aber ein Irrtum, daraus gleich ein „Ende“ der Burg um 1525 abzuleiten. So mussten etwa nach der Niederschlagung des Bauernkriegs in Franken die unterlegenen Bauern die Wiederherstellung der von ihnen zerstörten Burgen finanzieren. Fast alle Burgen wurden in modernen architektonischen Formen wiederaufgebaut, jedoch nie unter Aufgabe der Verteidigungsfähigkeit.
Eigentlich hätten der Forschung längst Widersprüche zwischen der Geschichte zahlreicher Burgen vom 16. Jahrhundert an und dieser vermeintlich klaren Entwicklungslinie auffallen müssen. 1689 beispielsweise fielen französische Truppen in der Pfalz und am Mittelrhein ein und zerstörten zwischen Speyer und Bonn fast alle Burgen. Dies bedeutet zugleich, dass diese Burgen 1688 noch unzerstört gestanden haben müssen – mehr als anderthalb Jahrhunderte nachdem sie aus der Mode und der Nutzung gekommen sein sollen. Mehr noch: 1796 drangen erneut französische Truppen in das linksrheini‧sche Gebiet ein. Sie konnten die Burg Rheinfels einnehmen und sprengten umgehend deren Bergfried – obwohl nach Meinung der heutigen Burgenforschung dieser Bautyp doch schon seit drei Jahrhunderten keine Rolle mehr gespielt hat und als hoher Turm im Kanonenzeitalter nicht mehr sinnvoll gewesen sein soll. Den Verteidigern scheint aber während des gesamten 18. Jahrhunderts der Turm so wichtig gewesen zu sein, dass man ihn erhalten hat.
Das Auflassen der Burg, also die Aufgabe des Standorts und der Verzicht auf jede weitere Nutzung und Pflege, war in der Neuzeit nicht die Regel, es sei denn, die Lage war so abseitig und unbequem gewählt, dass der Standort keinerlei Nutzen mehr mit sich brachte. Beschädigungen in den Bauernkriegen, bei einem der vielen Konflikte des 16. Jahrhunderts oder im Dreißigjährigen Krieg führten häufig zum Wiederaufbau der Burg.
Viele heutige Burgruinen waren im 16. Jahrhundert noch unter Dach. Das Bild einer durch Burgruinen geprägten Landschaft, etwa am Mittelrhein, konnte sich damals nicht einstellen. Burgen waren nicht nur befestigte Bauwerke mit mehr oder weniger aufwendigen Wohnbauten, sondern dienten auch als wichtiges Herrschaftszeichen. Einen solchen Bau gab man nicht leichtfertig auf. Vielmehr bemühte man sich, seine Burgen durch zusätzliche Wehranlagen gegen die Bedrohung durch neue Waffen zu sichern. Dies war keine grundsätzlich neue Entwicklung: Bereits im 13. Jahrhundert hatte man auf Wurfmaschinen reagieren müssen, und vor allem im 14. Jahrhundert hatte man umfangreiche Zwinger angelegt, um zusätzliche Hindernisse für einen Angreifer zu schaffen.
Was geschah tatsächlich mit den Burgen vom 16. Jahrhundert an? Die großen landesherrlichen Burgen blieben fast immer erhalten und wurden weitergenutzt, nun von Festungsgürteln oder wenigstens einzelnen Bastionen an der Angriffsseite umgeben. Diese großen Burgen gewannen zunehmend den Charakter von Residenzen und wurden bevorzugter Hauptwohnsitz der Herrschaft, während man die kleineren Sitze zu Amts- und Verwaltungsbauten umnutzte. Dienten sie nicht als Nebenresidenz, konnten sie auch zum Amtsgefängnis werden (das es im Mittelalter noch nicht gab, denn längere Gefängnisstrafen waren damals unbekannt). Vor allem entwickelten sich aus den Amtssitzen die Amtsgerichte; vereinzelt kann eine derartige Nutzung sogar bis in die Gegenwart andauern, so auf Burg Alzenau (Unterfranken).
Blieb die Wohnfunktion erhalten, ersetzte man später häufig die aus dem Mittelalter stammenden Wohnbauten innerhalb der Festungsgürtel ganz oder teilweise durch neuzeitliche Schlösser. Sie besaßen größere Fenster und repräsentativere Portale, denn die Verteidigungslinie war ja um einige Dutzend Meter nach außen in die Festungsanlagen aus Rondellen oder Bastionen verschoben worden. Die sprachliche Unterscheidung von „Schloss“ und „Burg“ ist allerdings ein Phänomen, das es so vor dem 19. Jahrhundert nicht gab und das in vielen Sprachen bis heute unbekannt ist. In der Barockzeit nannte man eine Burg etwa auch „Bergschloss“…
Dr. Anja Grebe/Prof. Dr. G. Ulrich Großmann




