Die Kuratorin Annina Weber hat sich angesehen, welche Rolle Tiere auf Stoffen spielen. Mit dem Blick der Textildesignerin durchforstete sie die Depots des Museums auf der Suche nach „Viechern“ – und wurde quer durch alle Epochen fündig. „Mich interessiert nicht so sehr der kunstgeschichtliche Aspekt, auch nicht wo in Europa die Stücke hergestellt wurden. Als Entwerferin beschäftigt mich, wie etwas dargestellt ist und warum eine bestimmte Darstellungsweise gewählt wird“, erklärt Weber ihre Vorgangsweise. Gewisse textile Techniken erzwingen ein Aufrastern des Motivs in einzelne Punkte und führen zu einer stark reduzierten Darstellung. Sie zeigt anhand von Kreuzstichstickerei und Filetspitzen, was gemeint ist. Moderne Drucktechniken erlauben es hingegen auf Textilien zu malen. „Grenzen setzt hier nur der Preis, technisch ist alles machbar“, meint sie.
Die Gliederung der Ausstellung im Textilmuseum St. Gallen (Vadianstrasse 2, 9000 St. Gallen, CH, Tel.: +41 (0)71 222 17 44) bereitete ihr einiges Kopfzerbrechen. Schliesslich entschied sie sich für eine stark visuell geprägten Ansatz und teilte die „Viecher“ in die Kategorien „schön“, „niedlich“ und „unheimlich“. Eine präzise Begriffserklärung und sorgsam ausgewählte Objekte sorgen dafür, dass die Ausstellung nicht in subjektiven Befindlichkeiten der Kuratorin steckenbleibt, sondern die Argumentation für das Publikum nachvollziehbar wird: Kugelrunde Augen, gerundete Körperformen und eine kesse Schleife machen aus dem mächtigen Löwen eine Schmusekätzchen, in Massen auftretende Igel wirken hingegen wider Erwarten sehr bedrohlich. „Die Umsetzung spielt fast eine grössere Rolle als der Umstand, welches Tier dargestellt wird“, fasst sie zusammen.
Blühende Phantasie und kreativen Pragmatismus attestiert die Kuratorin ihren Entwerfer-Kollegen der Vergangenheit. Schliesslich mussten viele von ihnen Tiere, die sie niemals gesehen hatten, darstellen. Da kann es dann doch leicht zu kleinen Missverständnissen kommen, erklärt Weber, und der Betrachter heute muss seinerseits Phantasie einsetzen, um manche der Tiere richtig zu identifizieren. Doch auch wenn die realen Vorlagen fehlten, verliessen sich Entwerfer der Vergangenheit nicht allein auf ihre Vorstellungskraft und aufs Hörensagen. Sie benutzten Bibeldrucke, Bilderchroniken sowie Kräuter- und Wappenbücher als Vorlagen, die einen reichen Fundus an exotischen und mythischen Tieren enthalten. Zwei der wichtigsten Werke aus der Zeit um 1600, nämlich Sibmachers Schön Neues Modellbuch und Vinciolos Vorlagen zur Spitzenherstellung, sind in der Ausstellung zu sehen.
Einfacher wird die Arbeit dann ab Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der öffentlichen Zoos und Naturkundemuseen. Dort kann nach der Natur gezeichnet werden, was Zeichnungen aus dem Umfeld des bekannten St. Galler Zeichenlehrers Johannes Stauffacher in der Schau belegen. Heute wirken sich die digitalen Medien und das Internet prägend auf die Entwurfsarbeit aus.





