In vergangenen Zeiten unterschieden sich die Aufgaben und Tätigkeiten von Männern und Frauen erheblich, dies spiegelte die Gesellschaftsstruktur und die Rollen beider Geschlechter wider. Doch während historische Aufzeichnungen viel über das Berufsleben von Männern beispielsweise in den Anfängen der Industrialisierung verraten, ist über das weibliche Pendant deutlich weniger bekannt. “Die Dokumentation weiblicher Berufstätigkeit ist in historischen Quellen meist begrenzt und vage”, erklären Alexandros Karakostis von der Universität Tübingen und Gerhard Hotz vom Naturhistorischen Museum Basel. “Dies spiegelt wider, wie die westlichen Gesellschaften und staatlichen Regelungen die weibliche Arbeit noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts wahrnahmen.”
Muskelansatzstellen verraten Belastungen
Infolgedessen sind Wissenschaftler auf zusätzliche, indirekte Methoden angewiesen, durch die sie mehr über die konkreten Tätigkeiten von Frauen in früheren Zeiten erfahren können. Eine davon ist die genaue Analyse von Muskelansatzstellen an den Knochen Verstorbener. Weil wiederholte Belastungen diese Ansatzstellen in charakteristischer Weise prägen, lässt sich an ihnen ablesen, welche Bewegungen und Tätigkeiten die Person zu Lebzeiten durchgeführt hat. Bereits 2017 gelang es Karakostis und seinen Kollegen durch 3D-Analysen, die alltägliche Arbeit von 45 Männern aus der Unterschicht zu rekonstruieren, die um 1850 auf dem Baseler Spitalfriedhof bestattet worden waren.
Abgleiche mit historischen Aufzeichnungen bestätigten dabei, dass diese Arbeiter je nach Beruf sehr spezifischen körperlichen Belastungen ausgesetzt waren. „Zum Beispiel fanden wir bei Bauarbeitern bestimmte Skelettmerkmale, die schwere Arbeit und festes Zupacken widerspiegelten“, berichtet Karakostis. „Handknochen von Männern, die mehr feinmotorische Arbeiten verrichteten, wiesen dagegen mehr Merkmale auf, die sich durch häufige Präzisionsgreifbewegungen von Daumen und Zeigefinger herausbilden.“

Handknochen verraten Tätigkeiten der Frauen
Für ihre aktuelle Studie haben die Wissenschaftler nun auch die Knochen von 38 Frauen der Baseler Unterschicht auf typische Belastungspuren untersucht. Ergänzend zu den 3D-Analysen der Handknochen halfen 70 Freiwillige dabei, zugehörige Krankenakten und dokumentierte Lebensgeschichten der untersuchten Frauen zusammenzutragen. “Die große Mehrheit der arbeitenden Frauen waren damals in Basel als Dienstmagd oder Fabrikarbeiterin angestellt”, erklären Karakostis und Hotz. Zusätzlich mussten diese Frauen ihren eigenen Haushalt und Kinder versorgen. Deshalb, so die Hypothese der Forscher, übten die arbeitenden Frauen der Unterschicht deutlich vielfältigere Tätigkeiten aus als ihre Männer. Dennoch müssten sich einige besonders spezifische Berufe wie Näherin, Schneiderin oder ähnliche mit sich oft wiederholenden Handbewegungen verknüpfte Arbeiten auch an den Handknochen ablesen lassen.





