Nachdem der Autor die Pressepolitik in der amerikanischen Besatzungszone kurz umrissen hat, beschreibt er die entscheidenden Vorgänge rund um die Gründung des Zeitungsverlags. In zehn weiteren Kapiteln, die jeweils einem Jahr des Untersuchungszeitraums gewidmet sind, analysiert er die Berichterstattung der Zeitung in den Ressorts Politik und Feuilleton und bettet diese in die Geschichte der Zeitungsredaktion sowie allgemeine politische und soziale Entwicklungen jener Jahre ein. Dabei liefert der Autor immer wieder teils ausführliche biographische Hintergründe der handelnden Akteure. Bereits in einer früheren Publikation hat von Harbou am Beispiel des damaligen Mitherausgebers Franz Josef Schöningh die Rolle von politisch vorbelasteten Journalisten in der Nachkriegszeit thematisiert. Auch im vorliegenden Buch zeigt er wieder anhand von weiteren Beispielen, wie die Süddeutsche Zeitung sich vor dem Hintergrund personeller Kontinuitäten nach Kriegsende in den vorherrschenden „unkritischen Diskurs“ jener Zeit einfügte. So wurde 1949 in einem anonymen Artikel der Hitler-Attentäter Stauffenberg als Mörder ohne „Treue und Gehorsam“ dargestellt. Gleichzeitig positionierte sich die Süddeutsche aber klar als liberale Stimme und Fürsprecherin der Grundrechte und informierte die Leser in ausführlichen Beiträgen etwa über die Beseitigung der Rechtssicherheit durch die NS-Gesetzgebung.
Die Studie besticht durch ihre große Detailliertheit und Informationsfülle, worunter allerdings gelegentlich die Lesbarkeit und Übersichtlichkeit leidet, gerade wenn doch einmal von der sonst streng eingehaltenen zeitlichen Chronologie abgewichen wird. Sehr differenziert arbeitet von Harbou die Verdienste der Süddeutschen Zeitung wie auch die Defizite in der Berichterstattung heraus. Dabei richtet er den Blick nicht nur auf das Geschriebene, sondern auch auf die zeitgeschichtlichen Ereignisse und Entwicklungen, die nicht – oder nur knapp – in der Berichterstattung der Süddeutschen auftauchten. Zur besseren Einordnung tragen auch die wiederholten – wenngleich nicht systematischen – Vergleiche mit der Berichterstattung anderer deutscher Zeitungen bei. Angesichts mancher personeller Kontinuitäten wären einige zusätzliche Worte zur Presse der Kriegs- und Vorkriegsjahre manchmal hilfreich gewesen. Insgesamt liefert das Werk aber einen anschaulichen Überblick über die Entwicklung der Süddeutschen Zeitung im ersten Nachkriegsjahrzehnt. Manche Episoden wie etwa die Kontroversen um den millionenschweren Aufkauf des Knorr & Hirth-Verlags durch die Gesellschafter oder die schweren Ausschreitungen nach der unkommentierten Veröffentlichung eines antisemitischen Leserbriefs zeigen dabei, dass auch die Geschichte einer Zeitung mitunter spannenden Erzählstoff bieten kann.
Rezension: Alexander Dappa





