Die Unruhen der letzten Zeit und die aktuelle Black-Lives-Matter-Bewegung haben den Rassismus in den USA erneut stark in den Fokus gerückt. Es wird deutlich, dass in den Köpfen vieler weißer Bürger noch immer die Vorstellung vorherrscht, dass nicht alle Menschen gleichwertig sind. Dies spiegelt sich heute in Bezeichnungen wie „White Supremacy“ wider. Damit werden Ideologien bezeichnet, die den Menschen europäischer Abstammung eine höhere Wertigkeit gegenüber anderen „Rassen“ zusprechen, und damit eine privilegierte Stellung rechtfertigen.
Was dem Rassismus in den USA zugrunde liegt, scheint klar: Noch immer wirft das menschenverachtende System der Sklaverei seinen langen Schatten auf die Gesellschaft. Nach der Niederlage der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg endete im Jahr 1865 zwar die Ära der Sklaverei, doch wie gleichwertige Bürger wurden die Afroamerikaner deshalb nicht behandelt. Es kam in den Südstaaten zu einer strikten Zweiteilung des öffentlichen Raums: Es gab für Weiße und für Schwarze getrennte Parkbänke, Friedhöfe, Blutbänke, Verkehrsmittel und Schulen. 1896 wurde diese Trennung unter der Voraussetzung erneut legitimiert, dass alle Einrichtungen gleichwertig sein sollten. „Das sind sie aber nie gewesen“, sagt Rebecca Brückmann von der Ruhr-Universität Bochum. „Gegen die Ungerechtigkeiten haben Aktivisten dann 50 Jahre lang mehr oder weniger erfolglos angekämpft“, sagt die Historikerin. Das änderte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als erste Kämpfer für die Gleichberechtigung in den USA vor Gericht zogen. 1954 fiel dann ein folgenreiches Urteil: Die Rassentrennung in öffentlichen Schulen wurde für verfassungswidrig erklärt.
Rabiate Proteste
Doch die Zulassung von schwarzen Schülern an Schulen, die zuvor nur Weißen Vorbehalten waren, stieß auf teils gewaltbereiten Wiederstand. Der Protest der weißen Bevölkerung gegen die sogenannte Desegregation, eskalierte so weit, dass sogar das Militär einschreiten musste. Mit diesen Entwicklungen hat sich Brückmann im Detail befasst. Wie sie erklärt, stehen beim Thema Rassismus oft die Männer im Vordergrund. Ihr Fokus lag deshalb auf den Aktivitäten der Frauen bei den Unruhen nach der Abschaffung der Rassentrennung. „Das Thema Schule – die Betroffenheit der Kinder, involvierte die Mütter besonders intensiv“, hebt die Historikerin in diesem Zusammenhang hervor. Um deren Verhalten zu analysieren, hat sie Zeitungsartikel, Memoiren, Aufzeichnungen von Schulleitungen und Befragungs-Protokolle des FBI ausgewertet. Ihre Ergebnisse hat sie in einem Buch zusammengefasst, das Anfang 2021 erscheint.
Als ein markantes Beispiel für die rassistischen Aktivitäten von Frauen hebt sie die Ereignisse in Little Rock hervor. In der Hauptstadt des US-Bundesstaates Arkansas mussten 1958 und 1959 alle vier Highschools für ein Jahr geschlossen werden. Der Grund: Die Eltern der rund 2000 Schüler rebellierten gegen die Einschulung von neun schwarzen Kindern. Wie Brückmann berichtet, zeichnet sich in den Informationen aus der Zeit ab, wie viele Mütter ihre Kinder offenbar gezielt dazu animierten, die schwarzen Mitschüler zu mobben. Die Proteste gipfelten dann schließlich in der Schulschließung mit der Begründung: Lieber gar keine Schule als ein gemeinsamer Unterricht mit Schwarzen.





