Dabei mag das Gefälle zwischen vollmundigem Titel und deutlich bescheidenerem, ja sehr spezifischem Untertitel für Nichtfachleute erklärungsbedürftig sein: Der „Gnomon“ ist eine 1925 gegründete Rezensionszeitschrift für alle altertumswissenschaftlichen Disziplinen (Alte Geschichte, Klassische Archäologie, Klassische Philologie), die seit Beginn und bis heute enormes internationales Renommee genießt. Es handelt sich also um eine wichtige Schnittstelle sowohl des binnenfachlichen Austauschs als auch zwischen nationaler und internationaler Forschung.
Hafners Studie mag mit ihrem Fokus ein Puzzlestück bleiben, aber doch eines, das für das Gesamtbild entscheidend ist und wichtige Verbindungen herstellt. Die eigentliche Studie ist dabei nur rund 100 Seiten lang. Danach bietet Hafner über 60 der für die Untersuchung herangezogenen Schriftstücke, in der Regel Briefe zwischen Redaktion und Herausgebern. Die Zugänglichmachung dieser Archivalien ermöglicht das Nachvollziehen von Hafners Ergebnissen und dürfte die weitere Forschung befeuern.
Mit immenser Kaltschnäuzigkeit betrieb der Redakteur Richard Harder 1933 den Ausschluss des jüdischen Forschers Fraenkel aus dem 16-köpfigen Herausgebergremium, ohne dass es dazu schon Anordnungen gab: Persönlich habe er kein Problem mit dem Kollegen, es gehe rein um politische Erwägungen und das Fortbestehen der Zeitschrift.
Dass mehr dahintersteckte, wird an anderen Stellen ersichtlich: wenn Harder sich etwa freut, dass bei der Auswahl der Herausgeber (unbewusst?) „etwas antisemitisch“ gehandelt worden sei, weil so nur ein Herausgeber zu entlassen sei. Nicht nur die Weigerung Fraenkels, vor einer offiziellen Anordnung auszuscheiden, sondern auch das Ausscheiden einiger anderer Herausgeber wegen dieses vorauseilenden Gehorsams führte dann zur Umbildung des Gremiums: Nur noch drei Herausgeber, für jedes Fachgebiet einer, verblieben. Eine wesentliche Motivation war die Frage, wie es wohl im Ausland ankomme, wenn mehrere Herausgeber aus offensichtlichen Gründen ausschieden. Da sei ein Komplettumbau besser zu verkaufen.
Es geht hier nicht um moralische Empörung. Viel interessanter ist es, einen Schritt zurückzutreten und sich klarzumachen, dass auch hier „ganz normale Männer“ (Christopher R. Browning) handelten, die zuvor fast ein Jahrzehnt reibungslos zusammengearbeitet hatten. Das wirft unweigerlich auch Fragen für unsere Gegenwart auf. Hafners Buch ist damit wissenschaftshistorisch wichtig, aber keineswegs nur für Altertumswissenschaftler relevant.
Rezension: Dr. Philipp Deeg
Markus Hafner
Die deutsche Altertumswissenschaft in der NS-Zeit
Der Gnomon von seiner Gründung 1925 bis 1949
Verlag C.H. Beck, München 2025, 224 Seiten, € 78,–





