Nicht die langen Jahre der Regierung Victorias an der Seite ihres Mannes Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha stehen jedoch im Mittelpunkt des Films „Young Victoria“ von Jean-Marc Vallée, sondern ihre spannungsreiche, belastete Kindheit und Jugend in Kensington Palace sowie ihre ersten Jahre als Königin. Der Film, der am 22. April in die deutschen Kinos kommt, glänzt vor allem mit seinen opulenten, dabei um historische Genauigkeit bemühten Kostümen, für die der Film einen Oscar erhielt. Die Handlung wird getragen von den großen und kleinen Gefühlen ihrer Protagonisten, um differenziertere historische Einordnungen bemüht er sich nicht.
Intensiv erlebt der Zuschauer die gesellschaftliche Isolation mit, in die Victoria (Emily Blunt) und ihre Mutter, Victoria von Sachsen-Coburg-Saalfeld (Miranda Richardson), nach dem Tod des Ehemanns und Vaters Edward August, Herzog von Kent, geraten und fühlt sich hineinversetzt in die von Konkurrenz, Intrige und Verfolgungswahn geprägten Beziehungen bei Hof. Eine Schlüsselrolle im Familiendrama nimmt John Conroy (Mark Strong) ein, Nachlassverwalter des verstorbenen Herzogs von Kent, unter dessen machtgierigen Einfluss Victorias Mutter zunehmend gerät. Zu einem dramatischen Höhepunkt gerät die Szene, in der Conroy die noch krankheitsgeschwächte Victoria zum Verzicht auf ihre Thronfolgeansprüche zwingen will. Die Weigerung Victorias führt zum völligen Bruch mit der Mutter.
Einige Szenen thematisieren die ersten Regierungsjahre Victorias nach ihrer Thronbesteigung 1838, die durch die politische Unerfahrenheit, Impulsivität und Fehlentscheidungen der jungen Königin geprägt waren. Zu stark fokussiert der Film dabei auf Victoria, zu wenig wird die wichtige Rolle Premierminister Lord Melbournes (Paul Bettany) herausgearbeitet.
Als wahrer Retter aus aller Misere wird dagegen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (Rupert Friend) stilisiert. Alle Stadien der Liebesgeschichte zwischen ihm und Victoria bis hin zu ihrer Verlobung und schließlich der Heirat werden minutiös inszeniert; der Historien- gerät zum von Kitsch nicht freien Liebesfilm. Gänzlich absurd müssen die ausgewalzten Liebeszenen mit einer freizügigen Victoria wirken, die eher auf Publikumswirksamkeit zielen als auf historische Glaubwürdigkeit im Zeitalter der Prüderie.
Angesichts der wachsenden sozialen Probleme in Großbritannien und Irland ist es schließlich mehr als ärgerlich, wenn Victoria und Albert zum Schluss des Filmes verklärend als Wohltäter der Armen erscheinen. So ist es schade, dass bei all dem betriebenen Aufwand und den guten Schauspielern die Chance versäumt wurde, nicht nur reines Unterhaltungskino zu bieten, sondern zugleich das Verständnis für eine wichtige historische Epoche zu wecken, eine Epoche, die nicht nur die englische Geschichte entscheidend prägte.





