Zeitgenossen sprachen vom „Sturm“, der über Europa hinwegfegte. Die französischen Revolutionskriege und die sich nahtlos anschließenden napoleonischen Eroberungskriege wälzten die Traditionen und Lebensstile auch in deutschen Ländern um. In der großen Staatenkrise an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert verschoben sich die Grenzen des Reiches zudem in ungeheurem Ausmaß. Das Deutschland, das Napoleon hinterließ, unterschied sich gewaltig vom Alten Reich, seinem prominentesten Opfer.
Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation gilt gemeinhin als Flikkenteppich größerer, kleinerer und kleinster Herrschaften sowie freier Reichsstädte. Ein eindrückliches Beispiel dafür bietet das Haus Nassau. Das Geschlecht reicht bis in das 10. Jahrhundert zurück, seinen heutigen Namen erhielt es aber erst von der um 1125 an der unteren Lahn erbauten Burg Nassau. 1255 teilten die Brüder Otto und Walram die Grafschaft im wesentlichen entlang der Lahn in eine nördliche Hälfte, die Otto erhielt, und eine südliche, die an Walram fiel. Seither spricht man von einer ottonischen und einer walramischen Linie des Hauses Nassau.
Die zahlreichen Erbfälle und Erbteilungen in beiden Linien müssen hier nicht interessieren. Wichtig ist aber, daß sich 1516 eine Linie vollständig von der ottonischen abspal?tete und nach der Heirat des Fürsten mit Claudia von Chalon und Orange (= Oranien, einem Fürstentum an der südlichen Rhône) Nassau-Oranien nannte; bekannt wurde Wilhelm der Schweiger, der erste Generalstatthalter der Niederlande und der „Wilhelmus von Nassauen“ aus der niederländischen Nationalhymne. Er und seine Söhne führten die Niederlande im Befreiungskrieg von 1568 bis 1648 in die Unabhängigkeit von Spanien; sein Urenkel wurde 1688 als Wilhelm III. König von England. Machen wir im walramischen Nassau einen Zeitsprung zum Ende des 18. Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt waren alle Zweiglinien bis auf Nassau-Weilburg und Nassau-Usingen ausgestorben. Früher noch als andere Fürsten gerieten ihre Territorien in den Sog der französischen Geschehnisse: Seit den 1790er Jahren drangen französische Truppen immer wieder in die linksrheinischen Besitzungen vor, die 1801 endgültig an Frankreich abgetreten werden mußten. Das Reich allerdings war gehalten, die Fürsten im verbleibenden Reichsgebiet zu entschädigen; im Reichsdeputationshauptschluß von 1803 kamen die geistlichen Herrschaften, die säkularisiert wurden, sowie die Reichsstädte zur Verteilung. Nachdem Preußen ihnen seinen Schutz versagt hatte, setzten die Nassauer Fürsten ganz auf die französische Karte. „Nie dürfen wir aus dem Auge verlieren“, war Fürst Friedrich August von Nassau-Usingen überzeugt, „daß unsere geographische Lage uns an Frankreich bindet.“ Sie integrierten sich folglich in die französische Welt. Als Napoleon im Oktober 1804 in Mainz weilte, machte ihm Friedrich Wilhelm von Nassau-Weilburg seine Aufwartung; er reiste auch zur Kaiserkrönung nach Paris. Ihrerseits besuchte Napoleons Gemahlin Joséphine gern den Hof in Biebrich, wo ihr das Nassau-Usinger Fürstenpaar die Ehre erwies. Doch bei aller Anpassung an die Gegebenheiten – der ältere Usinger konnte sein Unbehagen an der neuen Zeit nicht verbergen, sein Weilburger Cousin hingegen begrüßte die napoleonischen „modernen Zeiten“.





