Ein heiliger Augenblick“, erklärte Parlamentspräsident Anatolijs Gorbunovs (1988–1995) feierlich vor den versammelten 197 lettischen Parlamentariern, „bitte seid still.“ Gerade hatten 138 Volksvertreter für die Unabhängigkeit der Lettischen Republik votiert. Der Austritt aus der Sowjetunion war an jenem 4. Mai 1990 beschlossene Sache. Damit hatte die letzte der drei baltischen Republiken Moskau den Rücken gekehrt. Das Ende der Union im darauffolgenden Jahr sollte schließlich den Schlussstrich unter diesen Zerfallsprozess setzen.
Begonnen hatte das Aufbegehren von Letten, Esten und Litauern Ende der 1980er Jahre – begünstigt durch die Reformpolitik, genannt Perestroika (russ. für „Umbau“), die Michail Gorbatschow als Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (1985–1991) durchgesetzt hatte. Politische Mechanismen innerhalb der Sowjetunion sollten sich ändern, nicht zuletzt Meinungs- und Pressefreiheit Einzug halten. Gorbatschow konnte wohl nicht ahnen, welchen Auftrieb die Volksbewegungen im Baltikum dadurch bekommen und wie sehr sich Befürworter der Unabhängigkeit die neu geschaffenen Freiräume zunutze machen würden.
Ein wichtiges Element der nun an Fahrt gewinnenden Unabhängigkeitsbewegung waren die Massenproteste. So forderten im Herbst 1987 Studenten im estnischen Tartu bei einer großen Demonstration die Absetzung kommunistischer Hardliner. Etwa zur gleichen Zeit erfolgte die politische Aufladung von Sängerfesten – ein Prozess, welcher der baltischen Unabhängigkeitsbewegung im Nachhinein den Beinamen „Singende Revolution“ einbringen sollte. Schon früh begannen die verbotenen Hymnen eine Rolle zu spielen: Mitglieder der nationalistischen Gruppe „Helsinki 86“ demonstrierten am 25. März 1988, um an die Deportationen im Jahr 1949 zu erinnern. Während die Polizei sich daranmachte, die Versammlung aufzulösen, sangen sie die lettische Nationalhymne. Beim Gaudeamus-Festival wurden dann am 1. Juli 1988 antisowjetische Stimmen laut. Die verbotenen drei Nationalflaggen wurden gehisst, woraufhin sich sofort anwesende sowjetische Beamte in Bewegung setzten, um sie zu entfernen. Es gelang ihnen jedoch nicht, sich ihren Weg durch die Reihen der 7000 Sänger zu bahnen. Die verantwortlichen Studenten kamen ungeschoren davon. Von nun an wurden bei allen Sängerfesten dieser Art baltische Flaggen gezeigt – ungeachtet der Polizeipräsenz. Alte Volkslieder wurden mit nationalen Hintergedanken angestimmt und sogar sowjetisches Liedgut im Sinne der Unabhängigkeitsbewegung umgedeutet.
Vorerst blieben die Anstrengungen der politischen Aktivisten jedoch dezentral und gingen vor allem von Intellektuellen aus. Es waren schließlich die radikalsten Vertreter der Bewegung, die sich zuerst organisierten: In Estland bildeten sie die Estnische Nationale Unabhängigkeitspartei (ERSP), in Lettland die Lettische Nationale Unabhängigkeitsbewegung (LNNK) und in Litauen die Aktive Freiheitsliga Litauens (LLL). Sie forderten einen schnellen und vollständigen Bruch mit Moskau, bezeichneten die sowjetischen Beamten als „Besatzer“ und die russische Einwanderung als „Kolonisation“. Sogenannte Bürgerkomitees machten sich daran, die ethnisch baltische Bevölkerung zu registrieren. Auf diese Weise wollten sie sicherstellen, dass russische Bewohner des Baltikums in Zukunft von der politischen Partizipation ausgeschlossen werden konnten.





