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Am Punkt zwischen Himmel und Erde
Geschichte & Archäologie

Am Punkt zwischen Himmel und Erde

Der französische Astronom Camille Flammarion machte diesen angeblich mittelalterlichen Holzstich, der seinen Namen trägt, in seinem Werk „L’Atmosphère. Météorologie populaire“ bekannt. Das Bild erzählt von einem Wanderer zwischen den Welten – es hält den Moment seines Eintritts in den Himmel fest.
Autor
Redaktion
15. Mai 2026
Lesezeit
2 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie
Der französische Astronom Camille Flammarion machte diesen angeblich mittelalterlichen Holzstich, der seinen Namen trägt, in seinem Werk „L’Atmosphère. Météorologie populaire“ bekannt. Das Bild erzählt von einem Wanderer zwischen den Welten – es hält den Moment seines Eintritts in den Himmel fest.

Auf dem Bild überquert der Pilger die Grenze zum Jenseits auf allen Vieren. Sein Körper bleibt noch in der irdischen Welt zurück, die mit Sternenhimmel, Sichelmond und sonnenbestrahlter hügeliger Landschaft dargestellt wird. Mit Kopf, Schultern und rechter Hand tastet er sich bereits in die unbekannte Welt vor und erfasst auf den ersten Blick ein Stück Himmelreich, das aus abstrakten Zeichen zu bestehen scheint: aus zwei Halbkreisen mit strahlenartigen Schraffierungen – vielleicht Gestirne – sowie Zeilen aus wolkenähnlichen Gebilden und Flammenspitzen.

Der unbekannte Künstler überlässt Eindrücke und Gefühle des Pilgers, der an anderer Stelle auch Missionar oder Wanderer genannt wird, der Phantasie des Betrachters. Die Räder links oben könnten, wie 1958 der Psychoanalytiker C. G. Jung vermutete, auf die Vision des alttestamentarischen Propheten Ezechiel anspielen, dem der Thron des Herrn erschien, umstellt von vier Erzengeln und vier ineinander verschränkten Rädern. Die Buchrolle am unteren Rand, die den Text nur in Strichen andeutet, könnte die Schrift symbolisieren.

In Flammarions 1888 erschienenem Werk „L’Atmosphère. Météorologie populaire“, in dem der Holzstich erstmals abgedruckt wurde, findet man dazu lediglich die kurze Beschreibung: „Ein Missionar des Mittelalters erzählt, dass er den Punkt gefunden hat, wo der Himmel und die Erde sich berühren.“

Die bildende Kunst kennt keine mit diesem Holzstich vergleichbare Illustration einer Grenze zwischen Himmel und Erde. In einem deutschsprachigen Werk wurde er erstmals 1903 veröffentlicht. Darin ist von einer mittelalterlichen Darstellung des Weltsystems die Rede, also der Erde als Scheibe und deren Rand als Grenze zum Himmelreich. Die Datierung ist jedoch wissenschaftlich umstritten, denn es könnte sich ebenso um eine Fälschung aus historistischer Zeit handeln. Das Bild diente bis ins 20. Jahrhundert vielfach als Illustration einschlägiger Texte.

C. G. Jung sah in dem Holzstich auch ein „Urbild der Ufovision“, gleichsam die moderne wissenschaftliche Deutung, wonach es keinen Gott im Himmel gibt, sondern ein Universum. Bereits der griechische Philosoph Aristoteles sprach von der „Ersten Ursache“ (primum movens), aus der alles Sein hervorgehe.

Autor: Rudolf Gruber

Info

Camille Flammarion (1842–1925) war Astronom und Buchautor sowie Gründer der ersten Astronomischen Gesellschaft Frankreichs (SAF). Er veröffentlichte Dutzende populärwissenschaftliche Werke sowie phantastische Erzählungen und unternahm mehrere Ballonreisen für Studienzwecke. Er vertrat die These, dass die Erde keine Sonderstellung einnehme, sondern Leben auch auf anderen Planeten existieren könne.

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