Der breite Kiesweg führt zu einem alten, mit Wildem Wein bewachsenen Haus. Zum Ort eines sensationellen Treffens. Denn Charles de Gaulle pflegte hier nur engste Vertraute zu empfangen. An diesem 14. September 1958 aber war der Regierungschef aus dem noch kurz zuvor feindlichen Deutschland gekommen. Es war ein diplomatischer Kompromiss: Adenauer hatte de Gaulle so reserviert gegenübergestanden, dass er nicht nach Paris kommen wollte. Und de Gaulle wollte Adenauer nicht an einem neutralen Ort begegnen. Aber hier, am Rand des Dorfes Colombey-les-Deux-Églises, nördlich von Dijon gelegen, fanden jene beiden Politiker zueinander, die den Grundstein zur deutsch-französischen Aussöhnung legen sollten.
Noch heute kann man hier in einer Vitrine Konrad Adenauers Gastgeschenk betrachten: eine Pietà aus dem 15. Jahrhundert – die biblische Maria blickt mit weitaufgerissenen Augen ins Leere, voller Entsetzen, im Schoß ihren vom Kreuz abgenommenen toten Sohn. Vielleicht auch damit gewann Adenauer das Herz seines französischen Gastgebers: Beide waren tief verwurzelt im christlichen Glauben. Die Pietà ist eines der eindrucksvollsten Exponate in der „Boisserie“ – Charles de Gaulles Refugium, dessen Erdgeschoss heute öffentlich zugänglich ist. Alles ist fast unverändert: der Salon, das Speisezimmer, die Bibliothek, in der de Gaulle Tausende Stunden mit seinen Büchern zubrachte, das lichtdurchflutete Arbeitszimmer, aus dem er weit ins Land blickte.
Und doch bildet das alte Landhaus nur den kleineren Teil des Ensembles, das an de Gaulle erinnert. In Sichtweite, zu Füßen eines riesigen Lothringer Kreuzes – Symbol der Résistance – liegt das „Mémorial Charles de Gaulle“, das seit 2008 jedes Jahr Zehntausende Besucher empfängt. Mit seiner Dauerausstellung kann es das „Mémorial“ durchaus aufnehmen mit dem Bonner Haus der Geschichte. Was in Bonn Adenauers legendärer Mercedes ist, das ist hier de Gaulles Citroën DS: Während Adenauer die Fähre von Rhöndorf nutzte, ließ sich de Gaulle zwei Stunden bis Paris chauffieren.
Dort die Bänke aus dem Plenarsaal des alten Bundestages, hier Bretterzäune mit Protestplakaten des Pariser Mai 1968 – und daneben Erinnerungen an die damalige Fortschrittseuphorie: mit der Atomkraft und mit dem Überschallflugzeug „Concorde“. Ein Zeitalter voller Brüche lebt wieder auf: Frankreich zwischen 1890 und 1970. Und mittendrin: Charles de Gaulle.
Es war keineswegs leicht, dies alles auf die Beine zu stellen. „De Gaulle wollte ausschließen, dass die Nachwelt sein Erbe wie einen Fetisch verehren könnte“, erläutert Thomas Wauthier, der Direktor des „Mémorial“. „Deshalb hat seine Witwe Yvonne fast alle persönlichen Objekte vernichtet. So konnten wir kein klassisches Museum über de Gaulle hinstellen, sondern haben auf neueste Multimedia-Technologie gesetzt.“ In Gestalt von 50 Filmen und interaktiven Installationen, Audiostationen – auch in deutscher Übersetzung – sowie 240 Schautafeln und 1000 Fotografien.





