Dr. Philipp Deeg
Fangen wir zunächst mit einem Kritikpunkt an, der jedoch nicht Owen Rees zuzuschreiben ist: Der vom Verlag gewählte Titel, der eine „unerzählte Geschichte der Antike“ anpreist, ist doch arg marktschreierisch. Denn der verfolgte Ansatz, den gängigen Antikebegriff, der oft mit „griechisch-römisch“ näher umschrieben wird, zu hinterfragen und globaler, vernetzter zu denken, ist nicht neu. In der Forschung sind solche Überlegungen schon länger im Gange; unlängst fragte der Althistoriker Walter Scheidel im Titel eines Buches „What is ancient history?“, und für ein breiteres Publikum hat Raimund Schulz die „Welten im Aufbruch“ vorgelegt.
Dies mindert aber das Lesevergnügen an Rees’ Buch nicht. An 13 Orte führt er uns, die – angelehnt an den englischen Originaltitel – an die Ränder der „bekannten“ Welt reichen sollen. Rees will die Blickrichtung ändern und die Welt von dort betrachten, wo die antiken Menschen und vor allem unsere literarischen Quellen die Peripherie sahen. Und das war am Hadrianswall genauso der Fall wie in Massalia, dem heutigen Marseille. Methodisch konsequent versucht Rees, archäologische Befunde sowie Inschriften und Papyri ins Zentrum zu stellen, um mit deren Hilfe die Darstellung der – oft spärlichen – literarischen Überlieferung zu brechen – die vermeintliche Peripherie war ja immerhin der Lebensmittelpunkt zahlloser Menschen.
So gelangt er unter Auswertung spannender Spezialliteratur zu interessanten Beobachtungen. Dass die Menschen am Turkanasee in Kenia Landwirtschaft und größere Baukomplexe ohne Sesshaftigkeit und Zentralverwaltung auf die Beine stellten, wirft auch die Frage auf, wann und wo wir die Wiege der Zivilisation verorten – bislang stand Mesopotamien dafür synonym.
Ovid jammert in den erhaltenen Schriften über den grauslich provinziellen griechischen Dialekt seines Exilortes Tomis am Schwarzen Meer, der offenbar von Sprachen benachbarter Völker wie der Skythen eingefärbt war. Doch verrät er damit auch, dass ungeachtet des Kulturchauvinismus, der in Metropolen wie Athen und in der Gedankenwelt des Dichters gepflegt wurde, die Menschen vor Ort anpassungsfähig waren und ein reger kultureller Austausch stattfand. Dass eine solche kulturelle Einflussnahme wechselseitig war, stellt Rees heraus. Das ist keine unwichtige Erkenntnis in Zeiten, in denen die einen Überfremdung befürchten und die anderen kulturelle Aneignung beklagen.
Der einzige schriftliche Hinweis, dass Römer bis nach Fernost kamen, lässt sich just keiner römischen, sondern einer chinesischen Quelle entnehmen. Das dortige Urteil über diese Römer ist von kulturchauvinistischer Arroganz und Ignoranz geprägt – was auf Gegenseitigkeit beruhte. Vielleicht ist auch das eine schöne Einsicht: Kulturelle Arroganz scheint fast eine historische Konstante zu sein. Im alltäglichen Zusammenleben vor Ort – wie in Naukratis oder Olbia – trat sie meist in den Hintergrund.





