Dr. Sebastian Rojek
Die Debatte um das Scheitern der Weimarer Republik bewegt sich seit Jahrzehnten zwischen zwei Polen: Mal werden die enormen Belastungsfaktoren der ersten deutschen Demokratie, mal die großen Chancen betont, die die Republik besessen habe. Während in jüngerer Zeit eher optimistisch die Chancen betont worden sind, fokussiert die an der TU Braunschweig lehrende Historikerin Ute Daniel in ihrem spannenden Buch nun wieder stärker die massiven Belastungen.
Sie legt keine Synthese vor, sondern möchte die Weimar-Debatte durch neue Argumente stimulieren. Sie blickt vor allem auf zwei Komplexe: die Reparationen, die die Sieger des Weltkriegs dem Weimarer Steuerstaat auferlegten, sowie die Rolle der Reichswehr. Dies führt dazu, dass Daniel die weithin etablierte Periodisierung der Weimarer Republik verlässt und sich vielmehr an den Reparationsregimen orientiert, die sich durch die unterschiedlichen Pläne zur Regelung der Reparationszahlungen ergaben. Sie erläutert die überaus komplexen Finanzprobleme der Republik, die unter anderem aus der Finanzierung des Weltkriegs resultierten. Die Siegermächte, die infolge des Krieges selbst unter Finanznöten litten, versuchten, der Republik die entsprechenden Kosten aufzubürden.
Die Weimarer Regierungen wiederum agitierten nahezu durchgehend gegen die Reparationen und moralisierten die Debatte, um sich vor der eigenen Bevölkerung zu legitimieren, die Umverteilung oder erhöhte Steuerlasten aufgrund der Reparationszahlungen ablehnte. Geld war allerdings vorhanden, wenn es darum ging, geheime Rüstungen zu finanzieren, die Deutschlands Sicherheit gewährleisten sollten. Die Reichswehr gewann so eine besondere Position außerhalb des republikanischen Gefüges.
Hinter all diesen miteinander verknüpften Problemkomplexen standen aber letztlich kulturelle Faktoren: die Nichtanerkennung der Kriegsniederlage sowie die damals weitverbreitete Idee, bei der Republik handele es sich lediglich um ein – so die titelgebende Hauptthese – „Zwischenreich“, das bei Gelegenheit durch ein besseres System, etwa eine (Militär-)Diktatur, zu ersetzen sei. Daniel hat im Lauf ihrer komplexen, chronologisch entfalteten Argumentation stets die internationale Lage im Blick und erläutert, dass das politökonomische Problembündel, vor dem Deutschland und Europa nach 1918/19 standen, im Grunde auf das späte 19. Jahrhundert und den Ersten Weltkrieg zurückgeht.
Die Demokratie scheiterte an diesem Problembündel aus Mentalität, Finanz- und Umverteilungskonflikten sowie der quasiautonomen Stellung der Reichswehr. Die Nationalsozialisten eroberten nicht die Macht, sondern profitierten von der durch die Politiker der Republik geschaffenen Konstellation. Ute Daniel ist ein originelles Buch gelungen, das die Diskussion um das Scheitern der Weimarer Republik und die europäische Zwischenkriegszeit mit bedenkenswerten Argumenten bereichert und neue Perspektiven eröffnet. Mehr kann man von einem Beitrag zu einem vermeintlich ausgeforschten Thema nicht erwarten.





