Prof. Dr. Philipp Austermann
Der Rhein, der 1233 Kilometer durch die Schweiz, Deutschland und die Niederlande fließt, war unzählige Male politisches und literarisches Thema. In seinem jüngst erschienenen, angenehm flüssig geschriebenen Buch schildert Günter Müchler nicht allein die engere Geschichte eines Flusses. Vielmehr beschreibt er die deutlich weitere und interessantere Historie der gesamten Rheinregion, die eine wichtige Rolle in der deutschen und europäischen Geschichte spielte. In 17 Kapiteln schreitet der Historiker wichtige Wegmarken ab. Er beginnt mit Julius Caesar. Dessen Legionen schlugen die erste Brücke über den Rhein, um damit Roms Macht gegenüber den Germanen zu demonstrieren. Bis ins frühe 5. Jahrhundert bildete der Fluss die (immer mehr bröckelnde) Nordostgrenze des Imperiums. Mehrere Brücken reichten bis ins ostrheinische Germanien.
Sodann führt der Autor seine Leser in acht weiteren Kapiteln durch die Rolle der Rheinregion im Mittelalter. Die sagenhaften Nibelungen, deren Schatz bekanntlich im Rhein ruhen soll, treten ebenso auf wie die Franken. Deren König Chlodwig schlug (wohl) bei Zülpich die Alemannen und legte den Grundstein des Frankenreiches. Karl der Große sorgte sich um den kulturellen Aufstieg und damit für eine „karolingische Renaissance“. Auch das reiche jüdische Erbe der SchUM-Städte, des „Jerusalems am Rhein“, wird dargestellt.
Einen weiten Raum nimmt naturgemäß das deutsch-französische Verhältnis ein. In mehreren Kapiteln zeichnet Müchler nach, wie sehr das deutschsprachige linksrheinische Gebiet seit der Zeit des Sonnenkönigs im Fokus des französischen Interesses stand. Napoleon verschob die Ostgrenze Frankreichs bis an den Rhein. Der Autor zeigt, dass die „Franzosenzeit“ für die Rheinländer viele rechtliche Fortschritte bedeutete und dass Preußen, zu dem das Rheinland ab 1815 gehörte, von der positiven wirtschaftlichen Entwicklung profitierte.
Eine besondere Betrachtung widmet Müchler dem Elsass. Es war lange Zeit umstritten. Seine Einwohner wurden immer wieder in Kriege hineingerissen. Der Autor benennt die Schicksale der Elsässer, die für die deutschen Besatzer sogar in den Ersten und Zweiten Weltkrieg ziehen mussten. Doch bleibt das Buch zu Recht nicht bei der Feindschaft stehen. Müchler zeichnet nach, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg gelang, eine stabile enge Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen zu begründen. Konrad Adenauer, dem das letzte Kapitel gewidmet ist, gehörte zu den Antreibern dieser Freundschaft und auch des Vereinten Europas. Wer Müchlers mit vielen lehrreichen Geschichten und Erkenntnissen gespicktes Buch gelesen hat, versteht: Das Rheinland ist kulturell und politisch ein Kerngebiet Europas. Der Rhein markiert keine trennende Grenze mehr, sondern liegt metaphorisch im Herzen des Kontinents.





