Kertész, der in Ungarn geboren wurde und später in Budapest, Paris und New York lebte, hat mit Aufnahmen wie Schwimmer unter Wasser (1917), Chez Mondrian (1926) oder Gabel (1929) einen festen Platz in der Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts eingenommen. Es sind nicht nur seine formal herausragenden Kompositi-onen, die ihm große Wertschätzung einbrachten, sondern auch seine surreal inspirierte Poesie, mit der er scheinbar einfache Dinge und Situationen erfasst. Sein innovatives fotografisches Gespür hat viele seiner Kollegen inspiriert, die zu den bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts zählen: Brassaï hat bei ihm gelernt, Henri Cartier-Bresson und der junge Robert Capa wurden von ihm beeinflusst. Der Martin-Gropius-Bau präsentiert nun, nachdem 2004 Cartier-Bresson, 2005 Capa und 2007 Brassaï mit großem Publikumserfolg gezeigt worden sind, den großen Vorreiter Kertész. Die Ausstellung ´André Kertész – Fotografien´ ist thematisch ausgerichtet und folgt den großen Leitmotiven seines Schaffens, wie der immer wiederkehrenden Beobachtung von Schatten, Dächern und Schornsteinen oder der metaphorischen Darstellung von Gefühlen wie Melancholie. Darüber hinaus rückt sie bisher weniger bekannte Werkgruppen ins Blickfeld: Frühe Aufnahmen, die während seines Militärdienstes im Ersten Weltkrieg entstanden und die Polaroids der letzten Jahre in New York. Besondere Aufmerksamkeit wird Kertészs Einfluss auf die Entstehung der Foto-Reportage in Paris ab 1928 gewidmet. Mehrere Ausgaben von VU, Art et Médecine, Paris Magazine sowie verschiedene Ausgaben seiner Reportage über das Kloster der Trappisten in Soligny-la-Trappe werden in der Ausstellung zu sehen sein.
André Kertész, der am 2. Juli 1894 in Budapest als Andor Kertész in einer bürgerli-chen jüdischen Familie geboren wurde, träumte schon als Kind davon, zu fotografieren. Mit 18 Jahren kaufte er seine erste Kamera, eine ICA Box, die mit 4,5 x 6 cm Platten zu bedienen war. Aus dieser Frühphase stammt das Foto eines schlafenden Jungen. Während seiner Militärzeit bei der österreichisch-ungarischen Armee dokumentierte er in lakonischen Bildern den Alltag des Soldatenlebens, die langen Märsche, das Warten in den Schützengräben, die Verlorenheit des Einzelnen. Im September 1915 verwundet, entstand während seiner Genesung in Esztergom 1917 das berühmte Foto Schwimmer unter Wasser. In ihm scheint er mit dem von Lichtreflexen überzogenen, optisch verzerrten Körper spätere Arbeiten vorwegzunehmen. Die Ästhetik der Reflexion sollte erst ein Jahrzehnt später am Bauhaus populär werden.
Nach dem Krieg fotografierte Kertész, der an der Börse arbeitete, in seiner Freizeit vor allem Alltagsmotive wie seinen Bruder Jenö beim Sport, doch bot Budapest nicht das geeignete Umfeld für seine künstlerischen Ambitionen. 1925 entschloss er sich, nach Paris zu gehen und reiht sich damit in eine große Gruppe ungarischer Künstler und Fotografen ein, die nach dem Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und der niedergeschlagenen Räterepublik in den zwanziger Jahren Ungarn verließen und – wie László Moholy-Nagy, Robert Capa, Germaine Krull und Brassaï – entweder nach Paris oder nach Berlin auswanderten.





