André Kertész, der am 2. Juli 1894 in Budapest als Andor Kertész in einer bürgerli-chen jüdischen Familie geboren wurde, träumte schon als Kind davon, zu fotografieren. Mit 18 Jahren kaufte er seine erste Kamera, eine ICA Box, die mit 4,5 x 6 cm Platten zu bedienen war. Aus dieser Frühphase stammt das Foto eines schlafenden Jungen. Während seiner Militärzeit bei der österreichisch-ungarischen Armee dokumentierte er in lakonischen Bildern den Alltag des Soldatenlebens, die langen Märsche, das Warten in den Schützengräben, die Verlorenheit des Einzelnen. Im September 1915 verwundet, entstand während seiner Genesung in Esztergom 1917 das berühmte Foto Schwimmer unter Wasser. In ihm scheint er mit dem von Lichtreflexen überzogenen, optisch verzerrten Körper spätere Arbeiten vorwegzunehmen. Die Ästhetik der Reflexion sollte erst ein Jahrzehnt später am Bauhaus populär werden.
Nach dem Krieg fotografierte Kertész, der an der Börse arbeitete, in seiner Freizeit vor allem Alltagsmotive wie seinen Bruder Jenö beim Sport, doch bot Budapest nicht das geeignete Umfeld für seine künstlerischen Ambitionen. 1925 entschloss er sich, nach Paris zu gehen und reiht sich damit in eine große Gruppe ungarischer Künstler und Fotografen ein, die nach dem Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und der niedergeschlagenen Räterepublik in den zwanziger Jahren Ungarn verließen und – wie László Moholy-Nagy, Robert Capa, Germaine Krull und Brassaï – entweder nach Paris oder nach Berlin auswanderten.
In Paris knüpfte Kertész bald Kontakte zur künstlerischen Avantgarde am Montpar-nasse: zu Piet Mondrian, Fernand Léger, Ossip Zadkine und Alexander Calder. In dieser Zeit nahm er zahlreiche Portraitaufnahmen in der Art der carte postale auf. Als Flaneur durchstreifte Kertész die große Metropole und fotografierte in den Stra-ßen und Parks, auf den Dächern und am Seine-Ufer von Paris. Er verstand Fotografie als visuelles Tagebuch, als Instrument, um das Leben zu beschreiben: „Ich interpretiere meine Empfindung in einem bestimmten Augenblick. Nicht was ich sehe, sondern was ich empfinde.“
Mit seinen Aufnahmen aus der Nah- und Vogelperspektive und seinem Blick für die geometrische Struktur des Raumes, aber auch für Schatten, Reflexionen und Silhouetten fand er bald Anerkennung. 1927 zeigte die Galerie Au Sacre du Printemps eine erste große Werkbilanz und 1929 nahm er an der internationalen Ausstellung „Film und Foto“ in Stuttgart und in Berlin teil. Ab 1928 arbeitete Kertész mit einer Leica, der ersten Kleinbildkamera. In den folgenden Jahren wurden bei VU mehr als 30 Fotoessays von ihm veröffent-licht. 1933 entstand die ungewöhnliche Serie „Distortions“ – hier führen durch Spie-gel verzerrte weibliche Körper ein Eigenleben zwischen Karikatur und Erotik.





