Der Karnak-Tempel ist die größte Tempelanlage Ägyptens und ein UNESCO-Weltkulturerbe. Der aus drei von Mauern umgebenen Bereichen bestehende Tempelkomplex liegt am östlichen Nilufer nahe der heutigen Stadt Luxor, dem altägyptischen Theben. “Die 3000 Jahre lang genutzten Heiligtümer waren drei Hauptgottheiten gewidmet: Amun-Re, Month und Mut, zusätzlich hatten auch weitere Götter ihren Platz”, erklären Benjamin Pennington von der University of Southampton und seine Kollegen. Doch trotz der Bedeutung dieser Tempelanlage ist strittig, wann genau die ersten Tempel in Karnak errichtet wurden und welche Rolle der Nil und sein sich im Laufe der Zeit verändernder Lauf dafür spielte.

Frühestmögliche Besiedlung erst ab 2500 v.Chr.
Pennington und sein Tema haben nun die bisher umfassendste geoarchäologische Untersuchung des Karnak-Tempels und seiner Anfänge durchgeführt. Dafür entnahmen sie an verschiedenen Stellen des Tempelkomplexes insgesamt 61 Bohrproben des Untergrunds. In vielen Schichten dieser Bohrkerne fanden sich Keramikscherben, die von menschlicher Präsenz und Nutzung des Areals zeugen. Durch die Datierung dieser Scherben und die Analyse der Sedimente konnten die Archäologen rekonstruieren, wie sich diese Stätte im Laufe der Zeit verändert hat.
Die Analysen ergaben: Noch bis in die Zeit um 2520 v. Chr. war das Niltal bei Luxor kein besonders geeigneter Baugrund: Der Nil führte mehr Wasser und wechselte immer wieder unberechenbar seinen Lauf, Überschwemmungen waren die Folge. “Zu dieser Zeit war das Areal von Karnak daher für eine dauerhafte Besiedlung ungeeignet”, erklären Pennington und sein Team. „Das Alter des Karnak-Tempels war in archäologischen Kreisen stark umstritten, aber unsere neuen Belege setzen eine zeitliche Grenze für die früheste Besiedlung und den Bau“, erklärt Co-Autor Kristian Strutt von der University of Southampton.
Eine Insel taucht im Nil auf
Erst um 2300 v. Chr. änderte sich die Lage: Der Nil führte nun weniger Wasser und bildete zwei getrennte Läufe, zwischen denen sich allmählich trockenes Land aus dem Wasser hob. “Dies erzeugte eine Insel im Süden und Osten der heutigen Tempelanlage, auf der die Besiedlung von Karnak begann”, berichten die Archäologen. In den folgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden entfernten sich die beiden Flussläufe immer weiter voneinander, so dass immer mehr Raum für die Entwicklung des Tempelkomplexes entstand. Funde, die von einem ersten Tempel zeugen, stammen aus der Zeit um 2066 v. Chr., wie das Team berichtet.
„Die Flussläufe rund um das Gelände bestimmten, wie und wo sich der Tempel entwickeln konnte, wobei neue Bauwerke auf alten, mit Sedimenten gefüllten Flussbetten entstanden“, erklärt Penningtons Kollege Dominic Barker. „Wir sehen aber auch, wie die alten Ägypter den Fluss selbst gestalteten, indem sie beispielsweise Sand aus der Wüste in die Flussläufe einbrachten, vermutlich um neues Bauland zu gewinnen.“
Enge Verbindung zum ägyptischen Schöpfungsmythos
Interessant daran: Dieses Auftauchen einer Insel aus den Wassern und ihre immer größere Ausdehnung weist auffällige Parallelen zu einem altägyptischen Schöpfungsmythos auf: Altägyptische Texte aus dem Alten Reich berichten, dass sich der Schöpfergott als erhobenes Land manifestierte, das aus „dem See“ auftauchte. Die Archäologen vermuten, dass es daher kein Zufall war, dass die Tempelanlage ausgerechnet in Karnak errichtet wurde. „Es ist verlockend zu vermuten, dass die thebanischen Eliten Karnak als Wohnstätte einer neuen Form des Schöpfergottes ‘Amun-Re’ wählten, weil der Ort das kosmogonische Szenario von aus dem Wasser auftauchendem Land widerspiegelte“, sagt Pennington.
„Damit liefert unsere Forschung neue Details zur Entwicklung des Karnak-Tempels, von einer kleinen Insel hin zu einer der prägenden Institutionen des Alten Ägypten“, so Pennington weiter. Die Analysen haben nicht nur das Alter der Tempelanlage eingegrenzt, sondern liefern auch spannende Hinweise auf seine Beziehung zur altägyptischen Mythologie. Gleichzeitig unterstreichen sie, wie eng der Nil und die Landschaft mit dem Leben und Glauben der Menschen im Alten Ägypten verknüpft waren.
Quelle: University of Southampton; Fachartikel: Antiquity, doi: 10.15184/aqy.2025.10185





