Als Hitler 1939 den Krieg vom Zaun brach, war die Schutzstaffel der NSDAP zu einer großen und bedeutenden Organisation im „Dritten Reich“ herangewachsen. Sie zählte damals 260000 Mitglieder, verfügte über einen ausge‧bauten Apparat und erheblichen Einfluss in vielen Bereichen des Staates. Freilich konnten nur die wenigsten absehen, dass sich die SS im Lauf der folgenden sechs Jahre noch einmal grundlegend verändern würde. Nicht nur baute sie einen großangelegten militärischen Apparat auf, sie spielte auch eine zentrale Rolle bei allen Massenmorden und wurde so nach Kriegsende zum Symbol des Bösen schlechthin.
Doch zunächst sah es noch anders aus: Die SS marschierte nicht als eigenständiger Verband in Polen ein, sondern 60 Prozent ihrer Mitglieder wurden zur Wehrmacht eingezogen und kämpften in deren Reihen. Nach Abschluss der Eroberung Polens setzte sich aber auch die Expansion der SS in der nationalsozialistischen Politik fort. Bis dahin hatte sie nur über wenige eigenständige Bereiche wie die Organisation der Konzen‧trationslager oder die Überwachung der Bevölkerung durch den Sicherheitsdienst der SS (SD) verfügt. Im September/Oktober 1939 wurde dann der Sicherheitsdienst mit der Gestapo, also der politischen Polizei, zu einer Art Superinstanz des Terrors ausgebaut: zum Reichssicherheitshauptamt (RSHA). War das RSHA nun im besetzten Ausland tätig, agierten Polizei- und SS-Stellen immer vereint.
Doch der Umbruch von Ende 1939 reichte noch weiter: Hitler ernannte den SS-Chef Himmler zum „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ und beauftragte ihn mit der Koordination aller „Umvolkungen“ in den besetzten Gebieten sowie bei den Verbündeten, etwa der Umsiedlung der Südtiroler aus Italien. Damit konnte Himmler nicht nur den ganzen Bereich der Politik gegenüber den „Volksdeutschen“ an sich ziehen, er war zugleich zur Zentralinstanz in Sachen Deportation avanciert. In den folgenden Wochen und Monaten überschlugen sich die Deportationsvorhaben. Juden und unerwünschte Polen sollten aus den von Deutschland besetzten Gebieten im Westen Polens vertrieben werden; 1941 wiederholte sich dies – in geringerem Ausmaß – gegenüber unerwünschten Einwohnern des besetzten Slowenien.
Um die Jahreswende 1941/42 ließ Himmler einen gigantischen Deportationsplan für Osteuropa entwerfen, den Generalplan Ost. Dieser visierte die Deportation von 31 Millionen Slawen an: aus Polen, den sowjetischen Gebieten, schließlich auch aus Böhmen und Mähren. Da Hitler den Krieg aber nicht gewinnen konnte und Himmler sich nur teilweise gegen seine Kontrahenten in den besetzten Gebieten durchsetzte, konnte die SS ihre Deportationspläne nur begrenzt verwirklichen.
Freilich bot der Krieg die Voraussetzungen für die Realisierung immer radikalerer Gewaltpolitik. Diese richtete sich zunächst gegen die schwächsten Glieder der Gesellschaft, die Insassen psychiatrischer Anstalten. Die SS war mit ihrem Personal von Anfang an bei den Morden der „Euthanasie“ beteiligt. Besonders im besetzten Polen brachten SS-Einheiten Psychiatrie-Patienten um, damit sie die Gebäude der Anstalten anschließend für sich übernehmen konnten.





