Die Heirat zwischen dem Tudor-König und der englischen Adligen war eine echte Liebesheirat, endete aber schon nach wenigen Jahren in einer Katastrophe. Der König, wohl auch enttäuscht darüber, dass Anne ihm keinen männlichen Thronfolger geboren hatte, sondern nur ein Mädchen, die spätere Elisabeth I., wurde seiner Frau überdrüssig und ließ sich von seinem wichtigsten Berater, dem gerissenen Thomas Cromwell, durch falsche Zeugenaussagen überzeugen, dass sie ihn mit diversen Männern und womöglich auch mit ihrem eigenen Bruder betrogen habe.
Im Mai 1536 wurde Anne auf dem Tower Hill in London mit dem Schwert hingerichtet, gut drei Jahre nach ihrer Eheschließung mit dem König. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die englische Kirche freilich schon von Rom losgesagt, da der Papst sich standhaft geweigert hatte, die Ehe Heinrichs mit Katharina von Aragón aufzulösen, so dass der König seine Geliebte heiraten konnte.
Der Biographie von John Guy und Julia Fox – Fox ist die Ehefrau John Guys – gelingt es gut, Lesbarkeit mit wissenschaftlicher Sorgfalt zu verbinden. Guy und Fox haben eine ganze Reihe von Quellen neu bewertet und einige in den Archiven sogar neu entdeckt. Das macht den besonderen Wert dieser Studie aus. Anne wird aber auch als Person greifbarer als in älteren Darstellungen. Die Autoren betonen, wie stark sie durch ihre Jugend in Frankreich geprägt war. Die Königin Claude – die Gattin Franz’ I. von Frankreich – und Margarete von Navarra, die Schwester des Königs, wurden, wie sie betonen, dort zu ihren Vorbildern, da sie als Frauen selbstbewusst und stolz auftraten. Allerdings waren beide königlichen Geblüts, was für Anne Boleyn nicht galt, die nur aus dem niederen Adel stammte. Von der Reformbewegung in Frankreich beeinflusst waren auch Annes religiöse Ideale. Sie wollte mit der spätmittelalterlichen Kirche nicht brechen, sondern sie reformieren. Von daher lehnte sie auch die vollständige Auflösung der englischen Klöster, die allerdings erst nach ihrem Tod in voller Konsequenz vollzogen wurde, ab.
All dies stellen Guy und Fox überzeugend dar. Manche Passagen des Buches sind allerdings etwas zu stark durch eine psychologisierende Tendenz gekennzeichnet. So meinen die Autoren, Heinrich habe in Anne eine Gattin gesucht, die nicht nur Gefährtin, sondern auch Mitstreiterin war, also fast ebenbürtig. Das ist im Grunde Spekulation. Darüber wissen wir nichts, wie überhaupt die Neigung, die Biographie der Königin in feministischer Perspektive zu deuten, an manchen Stellen leicht anachronistische Züge aufweist. Aber das ändert nichts daran, dass Guy und Fox hier ein großer Wurf gelungen ist.
Rezension: Prof. Dr. Ronald G. Asch
John Guy/Julia Fox
Jagd auf den Falken
Anne Boleyn und Heinrich VIII.
Verlag C. H. Beck, München 2024, 603 Seiten, € 34,–





