Gewiss, ohne die Kärrnerarbeit des Vaters Otto Frank, des einzigen Überlebenden der Familie, der die von einer Helferin geborgenen Blätter und Hefte versammelt und interessierten Personen und Verlagen zur Einsicht und Drucklegung angeboten hatte, wäre der im Titel dieses Buches bekundete Wunsch der Tagebuchschreiberin nicht realisiert worden. Es waren zumeist kleine Verlage und mutige Verleger, die sich über kommerzielle Bedenken, intellektuelle Arroganz und böswillige Fälschungsvorwürfe hinwegsetzten. Den entscheidenden Durchbruch erzielten Annes Tagebuch und ihre Prosatexte jedoch nicht in der Buchausgabe, sondern in einer überaus erfolgreichen Theaterfassung, zunächst auf dem New Yorker Broadway und dann auch auf europäischen Bühnen seit Mitte der 1950er Jahre.
Sparr schildert die spannende Geschichte der Rezeption des Tagebuchs vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus in den beiden deutschen Staaten sowie in zahlreichen anderen Ländern. Die immer wieder (sogar vor einem New Yorker Gericht) gestellte Frage „Wem gehört Anne Frank?“ wurde höchst unterschiedlich beantwortet und kontextualisiert. Vor allem jüdische Intellektuelle wehrten sich gegen eine zunehmende Verflachung der Erinnerung und die „billige Sentimentalität“ (Hannah Arendt) der Theaterversion, aber auch gegen ein wohlfeiles Vergeben durch die vielerorts geforderte Identifikation mit dem jüdischen Mädchen.
Dies alles vermochte den globalen Erfolg des Tagebuchs nicht aufzuhalten. Obgleich das Tagebuch selbst an historischer Bindekraft verlor, wirken die über das Werk vermittelten humanen Botschaften fort. Sie wurden, vornehmlich seit den 1970er Jahren, geradezu zu einer Waffe im Kampf gegen jedweden Rassismus und die Vorenthaltung der Menschenrechte – nicht nur im Apartheidstaat Südafrika, wo der spätere Präsident Nelson Mandela das Tagebuch in seinem Gefängnis auf Robben Island las.
Das Tagebuch der Anne Frank wird bis heute höchst unterschiedlich gelesen und interpretiert. Von der anfänglichen Zuschreibung, dies sei ein „Dokument des Holocaust“, ist man inzwischen weit entfernt. Sparr plädiert dafür, Anne Frank als Schriftstellerin neu zu entdecken.
Rezension: Prof. Dr. Gerhard Hirschfeld
Thomas Sparr
„Ich will fortleben, auch nach meinem Tod“
Die Biographie des Tagebuchs der Anne Frank
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2023, 336 Seiten, € 25,–





