Dabei ignoriert Verweyen keineswegs Anselms Karrierestationen und ihr jeweiliges soziales und politisches Umfeld, doch hauptsächlich bettet er die Entwicklung im Denken seines Protagonisten in den biographischen Kontext ein. Der Autor kann dabei auf das grundlegende Werk des englischen Historikers Sir Richard Southern zurückgreifen, setzt aber ganz eigene, weiterführende Akzente.
In der chronologischen Betrachtung der Werke Anselms setzt Verweyen den biographischen Ansatz konsequent um. Dem Erstlingswerk „Über den Grammatiker“, das im Umfeld von dessen Lehrmeister Lanfranc und somit im Kontext der frühen Scholastik geschrieben wurde, folgte nach Anselms Eintritt in das Kloster Bec eine intensive Beschäftigung mit den spirituellen Quellen des christlichen Glaubens. Hieraus gingen die Gebete hervor, die sowohl seinen jüngeren Mitbrüdern als auch Laien – Anselm scheint hier insbesondere Frauen angesprochen zu haben – Anleitung zum Glauben sein sollten.
Mit dem „Monologion“ und dem kurz darauf verfassten „Proslogion“ kehrte Anselm dann wieder zu theologisch-philosophischen Fragen zurück, vielleicht auch, weil er erkannte, dass seine Zuhörer mehr als nur Gebete auf ihre drängenden Fragen nach dem richtigen Verständnis der Theologie erwarteten und brauchten. Verweyen kann dabei deutlich machen, dass Anselm seinen eigenen, neuen Gottesbegriff erst vollständig im „Proslogion“ entwickelte, sein Weg hierzu allerdings ohne sein Hauptwerk, das „Monologion“, kaum zu verstehen ist.
Die Entwicklung von Anselms Denken und Werk auf so engem Raum allgemeinverständlich zu schildern, ohne dabei auf Grundkenntnisse des Lesers zurückzugreifen, ist kaum möglich. Insofern ist das Buch für den Historiker schwerer zu lesen als für den Theologen. Und dennoch gelingt es dem Autor mit klarer Sprache und präzisem Gedankengang, ein Bild Anselms zu entwerfen, das nicht nur Theologen faszinieren dürfte. Ein breiter Leserkreis ist dem Buch zu wünschen.
Rezension: Prof. Dr. Jörg Peltzer





