Diese Geschichte kontinentaler Dimensionen auf knapp 500 Seiten so aufgeschrieben zu haben, dass das Lesen auf jeder Seite Freude und aufregende Erkenntnisse beschert: Das ist das Verdienst von Raimund Schulz’ antiker Globalgeschichte. Schulz stellt sich der Herausforderung, indem er streng systematisch vorgeht. Nomaden, Städte, Imperien, Fernhandel und Religion sind für ihn die Bausteine, aus denen sich das Verständnis für das Konglomerat aus Stämmen, Stadtstaaten, Reichen und Kulturen erschließt, das die Welt zwischen Atlantik und Pazifik zwischen etwa 1500 v. Chr. und 500 bestimmte. In dieser Systematik haben Griechen und Römer, Perser, Inder und Chinesen, Assyrer, Phönizier, Karthager, Ägypter ihren Platz, nicht minder aber die Bewohner der Peripherien Afrikas, Nordwesteuropas, Zentralasiens und des nördlichen Steppengürtels.
Schulz zeigt, wie in ungefährer zeitlicher Parallelität tiefgreifende Zäsuren das historische Kontinuum von West bis Ost in Sinnabschnitte zerteilten: die flächendeckende Durchsetzung von Eisenmetallurgie und Schriftlichkeit ab um 1200 v. Chr., radikal neue Denkweisen in der philosophischen Revolution der „Achsenzeit“, semiglobaler Fernhandel mit Luxusgütern seit 300 v. Chr. und der Zerfall imperialer Ordnungen seit 200. Er macht nicht passend, was nicht zusammengehört, lässt regionalen Eigenentwicklungen ebenso ihre Würde wie den großräumigen Verflechtungen. Vor allem versteigt er sich nie in blutleeres, abstraktes Theoretisieren: Schulz spinnt seine Darstellung entlang von konkreten Ereignissen und unterlegt sie immer wieder mit spannenden Geschichten.
Er nimmt den Leser mit auf die Reise über den Indischen Ozean und zeigt, welche Gefahren zwischen Alexandria und den Häfen der indischen Westküste lauerten – aber auch, wie hoch die Profite waren, die Kaufleute das Wagnis dennoch auf sich nehmen ließen. Oder wie Konfuzius als „reisender Berater“ durch die Lande fuhr und seine Zuhörer davon überzeugte, dass nur Rituale und klare Verhaltensnormen die Sicherheit versprachen, nach der sich in unsicheren Zeiten alle sehnten.
Wenn ein Historiker Mut beweist und sich auf Felder vorwagt, die weit jenseits der eigenen fachlichen Expertise liegen, ruft das unweigerlich Bedenkenträger auf den Plan. Verfügt er über das nötige philologische Rüstzeug, die unerlässliche Quellenkenntnis? Natürlich muss sich Schulz für Indien, China, Mesopotamien und Ägypten auf seine Kollegen verlassen. Vielleicht wundert sich auch der Althistoriker, dass die Oasenstadt Palmyra, jahrhundertelang Drehscheibe des Fernhandels zwischen dem Mittelmeer und Asien und damit ein Knotenpunkt der Verflechtung, im Text kaum vorkommt. Aber dass Schulz das Wagnis einer großen Geschichte des antiken Afro-Eurasien auf sich genommen hat, ist allemal besser als die Alternative: das Unternehmen unter Verweis auf die Grenzen etablierter Wissenshorizonte als Sammelband zu realisieren – oder es gleich ganz bleiben zu lassen. Wer Schulz’ antike Globalgeschichte zur Hand nimmt, erhält unzählige Denkanstöße und lernt, die alte Welt mit neuen Augen zu sehen. Mehr kann ein Buch nicht wollen.
Rezension: Prof. Dr. Michael Sommer
Raimund Schulz
Welten im Aufbruch
Eine Globalgeschichte der Antike
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2025, 496 Seiten, € 38,–





