Der Blick richtete sich auf den Bereich der heutigen Metropole Gaziantep im Südosten der Türkei, nahe der syrischen Grenze. Dort befand sich auch schon in der Antike eine bedeutende Stadt: Doliche wurde um 300 v. Chr. gegründet und entwickelte sich in der Ära der seleukidischen Herrschaft dann zu einer Handelsstadt. Außerdem zog ein nahegelegenes Heiligtum Besucher an, das einem in Nordsyrien und Anatolien verehrten Sturm- und Gewittergott geweiht war. Zu seiner vollen Blüte gelangte Doliche aber erst unter der Herrschaft der Römer, die bereits 30 v. Chr. begann. Das Besondere ist dabei: Sie verbanden den traditionellen Gott der Stadt mit ihren Glaubensvorstellungen und verehrten ihn schließlich unter der lateinischen Bezeichnung Iupiter Dolichenus. Daraus entwickelte sich eine wichtige Kultform, die sich schließlich in alle Teile des Römischen Reiches verbreitete. Dies brachte dem Ursprungsort Bedeutung und Wohlstand.
Ein reicher Fundort
Doch im Jahre 253 n. Chr. fand diese Blütezeit Doliches ein gewaltsames Ende: In der Folge eines Krieges zwischen dem römischen und persischen Reich zerstörte der Großkönig Šāpūr I. die Stadt. Nach dem Brand wurde das Stadtzentrum dann nicht mehr wieder aufgebaut. Für die Archäologie avancierte dies allerdings zu einem Glücksfall, da viele Strukturen aus der Zeit bis 253 n. Chr. konserviert und nicht überbaut wurden. Seit 1997 hat dort ein archäologisches Projekt unter der Beteiligung der Universität Münster zahlreiche interessante Spuren aus der Antike ausgegraben. Nun berichtet das internationale Forschungsteam über einen weiteren bedeutenden Fund in den Überresten Doliches.
Es handelt sich um die Spuren eines Gebäudes, von dem das aus massiven Kalksteinquadern errichtete Fundament erhalten geblieben ist. „Die Strukturen lassen eine Abfolge von Räumen erkennen, die sich zu einem lang gestreckten Baukomplex zusammenfügten“, sagt Engelbert Winter von der Universität Münster. Das komplette Ausmaß ist noch unklar, bisher konnten aber schon acht Meter Breite und 25 Meter Länge nachgewiesen werden. Aus der massiven Bauweise der Grundmauern geht hervor, dass der Baukomplex mehrstöckig gewesen sein muss, erklären die Archäologen.
Tönerne Spuren verbrannter Archivdokumente
Wie sie berichten, geht aus der Menge spezieller Funde die einstige Funktion des Gebäudes deutlich hervor: Mehr als 2000 Siegelabdrücke belegen, dass es das städtische Archiv Doliches war. Bei diesen Objekten handelt es sich um gestempelte Tonklumpen mit Größen von etwa fünf Millimetern bis zwei Zentimetern. Mit ihnen wurden Schriftstücke wie etwa Verträge aus Papyrus und Pergament verschlossen, erklären die Experten. Die Archivdokumente selbst wurden offenbar bei dem großen Brand von 253 n. Chr. vernichtet, doch die tönernen Siegel blieben erhalten. Es handelt sich dem Team zufolge bei dem Gebäude und den Spuren seines einstigen Inhalts um bedeutende Funde. Denn es gab zwar Archive zur Verwahrung von Dokumenten in jeder Stadt, bisher wurden aber erst wenige solcher Gebäude des Römischen Reiches identifiziert.





