Was macht Menschen zu Mann oder Frau? Bei dieser Frage kommt es darauf an, mit welchem Aspekt des komplexen Themas der menschlichen Geschlechtsidentität man sich befasst. Als eine Art Grundlage gilt allerdings das sogenannte genetische oder chromosomale Geschlecht. Es wird durch die typische Kombination der Geschlechtschromosomen in den Zellen eines Menschen definiert. Die Grundlage für die Entwicklung weiblicher Geschlechtsmerkmale bilden dabei zwei X-Chromosomen, für die männlichen hingegen die Kombination eines X- mit einem Y-Chromosom. Doch nicht alle Menschen tragen entweder eine XX- oder XY-Paarung in sich. Es kann während früher Entwicklungsstadien zu Störungen bei der Verteilung der Geschlechtschromosomen kommen. Dadurch können manche Menschen mit einem X- oder Y-Chromosom zu viel oder zu wenig ausgestattet sein.
Formen und Folgen
Eine der häufigsten Formen dieser sogenannten geschlechtschromosomalen Aneuploidien ist dabei eine XXY-Kombination. Menschen, die von diesem sogenannten Klinefelter-Syndrom betroffen sind, entwickeln meist grundsätzlich männliche Geschlechtsmerkmale. Aber durch eine verringerte Testosteronproduktion kann es zu einer verspäteten Pubertät und zur Entwicklung von weiblichen Zügen kommen. Zudem sind die Betroffenen oft überdurchschnittlich groß. Letzteres gilt auch im Fall einer XYY-Kombination – dem sogenannten Jacobs-Syndrom. Durch das zusätzliche Y-Chromosom bilden sich aber ansonsten meist normale männliche Merkmale aus.
Ein weiterer Fall der Geschlechtschromosom-Anomalie ist das sogenannte Turner-Syndrom. Die Betroffenen besitzen dabei nur ein einzelnes X-Chromosom. Sie entwickeln sich dadurch meist weiblich. Durch eine verminderten Östrogenproduktion kann es aber während der Entwicklung zu einem Ausbleiben der Bildung typisch weiblicher Merkmale und zu Unfruchtbarkeit kommen. Außerdem bleiben die Personen oft auffallend klein.
Wie das Forschungsteam um Kyriaki Anastasiadou vom Francis Crick Institute in London berichtet, war es bisher schwierig, chromosomale Anomalien in DNA-Proben zu erkennen, die aus archäologischen Funden stammen. Denn häufig sind die gewonnenen Erbgutspuren stark degradiert. Es handelt sich bei den Geschlechtschromosom-Anomalien allerdings um einen Aspekt, der vor allem im Fall des Klinefelter- und des Turner-Syndroms für die Erforschung einstiger Gesellschaften aufschlussreich sein kann. Dazu schreiben die Autoren: „Die Anomalien können zu Störungen der Geschlechtsentwicklung führen, die sich in gemischten oder uneindeutigen geschlechtsbezogenen körperlichen Merkmalen äußern. Dies kann sich auf die Wahrnehmung des eigenen Geschlechts oder des Geschlechts durch die Gesellschaft auswirken“.





