Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben unsere Vorfahren unterschiedlichste Traditionen für die Bestattung ihrer Toten entwickelt, darunter auch die Feuerbestattung. Dabei wird der Leichnam der oder des Toten meist auf ein Gestell über einem Scheiterhaufen gelegt und dann über dem Feuer verbrannt. Knochenreste und Asche wurden dann entweder vor Ort begraben oder woanders beerdigt.
Unklar ist jedoch, wann die Menschen erstmals solche absichtlichen Totenverbrennungen begingen, denn Funde solcher Feuerbestattungen sind rar. Der bisher älteste Nachweis dafür stammt aus Alaska. Dort wurden die Überreste eines dreijährigen Kindes in den Relikten eines 11.500 Jahre alten Scheiterhaufens gefunden. Die meisten anderen Belege für Feuerbestattungen stammen jedoch erst aus der Jungsteinzeit und sind nicht älter als 3300 Jahre. “Weltweit gibt es kaum Nachweise für absichtliche Kremation vor dem mittleren Holozän, vor allem bei Jäger-und-Sammler-Kulturen scheint diese Praxis rar”, erklären Jessica Cerezo-Román von der University of Oklahoma und ihre Kollegen.

Asche und Knochenreste an Steinzeit-Fundstätte
Doch im Norden Malawis haben die Archäologen nun eine solche Feuerbestattung aus der Zeit der steinzeitlichen Jäger und Sammler entdeckt. Die Fundstätte ist ein Felsunterstand am Fuß des prominent aus der umgebenden Landschaft herausragenden Inselbergs Mount Hora. An diesem Ort haben Ausgrabungen bereits vor Jahrzenten Spuren steinzeitlicher Aktivitäten aufgedeckt, schon vor rund 21.000 Jahren könnten Menschen diesen Ort aufgesucht haben. In den letzten Jahren haben Archäologen dort auch einige menschliche Überreste entdeckt, die auf eine Nutzung dieser Felsnische als Bestattungsort hindeuten.
Im Rahmen neuer Ausgrabungen hat das Team um Cerezo-Román an einer Stelle der Hora-Fundstätte mehrere dicke Ascheschichten im Untergrund entdeckt, die auf mehrfache Feuer und Scheiterhaufen hindeuten. In einer rund 9500 Jahre alten Lage dieser Feuerrelikte fanden die Forschenden zahlreiche menschliche Knochenreste. Nähere Analysen ergaben, dass diese stark angekohlten Knochenreste alle von einer Person stammten, einer erwachsenen Frau. “Die osteologischen Analysen legen nahe, dass der Leichnam dieser Frau innerhalb weniger Tage nach ihrem Tod auf einem Scheiterhaufen gelegt und vor Ort verbrannt wurde”, berichten die Archäologen.
Beleg für komplexe soziale Traditionen
Damit handelt es sich bei diesem Fund um den ältesten Nachweis einer Feuerbestattung in Afrika und den ältesten Beleg für die Verbrennung eines erwachsenen Toten weltweit, wie Cerezo-Román und ihre Kollegen schreiben. Gleichzeitig zeugt dieser Fund von der komplexen sozialen Kooperation auch in diesen frühen Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften. “Die Verbrennung eines Toten wie an der Hora-Fundstätte ist ein Prozess, der erheblichen Aufwand und Arbeit erforderte”, erklären die Archäologen. Allein für die Feuerbestattung der eher zierlichen Frau mussten die Menschen damals mehr als 30 Kilogramm Totholz und trockenes Gras sammeln und zusammentragen. Zudem musste der Scheiterhaufen mindestens eine Temperatur von 800 Grad erreichen und mehrere Stunden lang brennen, um eine frische Leiche bis auf Knochenreste zu verbrennen.
Das legt nahe, dass auch die steinzeitlichen Jäger und Sammler im südlichen Afrika schon komplexe, auf intensiver Kooperation beruhende Bestattungsformen entwickelten – und dies lange bevor die Menschen sesshaft wurden. „Diese Praktiken verdeutlichen komplexe Bestattungs- und Ritualhandlungen, deren Ursprünge vor dem Beginn der Landwirtschaft liegen”, schreibt das Team. “Sie stellen damit gängige Annahmen über gemeinschaftliche Zusammenarbeit und Erinnerungskultur in tropischen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften infrage.”
Quelle: American Association for the Advancement of Science (AAAS); Fachartikel: Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.adz9554





