Das antike Heiligtum liegt mitten im modernen Stadtzentrum Athens zwischen Hermes- und Piräusstraße. Es wurde schon 1890 bei Grabungen der Archäologischen Gesellschaft Athens entdeckt. Damals hielt man die antiken Überreste für ein Heiligtum der Hekate, denn für die Tempel dieser griechischen Göttin sind dreiseitige Kultbilder typisch. Und in zentraler Stelle in einer Kultnische fanden die Archäologen tatsächlich eine dreieckige Einlassung, die einst als Basis für ein solches Kultbild gedient haben könnte.
Das Heiligtum besteht aus drei Kulteinrichtungen, die in einer Reihe genau nach Norden ausgerichtet sind: ein rechteckiger Altar, ein marmorner Omphalos (ein konisches Steindenkmal) und die Kultnische. Im weiten, durch eine Mauer umgrenzten und heute mit Ölbäumen bepflanzten Hof, der sich südlich anschließt, befindet sich ein Brunnen mit einem Mündungsstein aus Kalkstein.
Geheimnisvolle Marmorplatte
Doch 2014 wies Constanze Graml von der Universität Mainz im Rahmen von Grabungen des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen nach, dass die bisherige Interpretation als Hekateion korrigiert werden muss. Denn mehrere Inschriften und andere Funde aus diesem heiligen Bezirk deuten auf die Verehrung der Artemis Soteira, also der Artemis mit dem Beinamen „die Retterin”, hin. Auch Artemis wurde teilweise mit dreiseitigen Kultbildern verehrt.
In dieser Grabungssaison haben die Archäologen nun entscheidende Hinweise darauf entdeckt, dass das Heiligtum Apollon gewidmet gewesen sein muss. Sie versteckten sich unter dem Omphalos, einem konischen Steindenkmal, das zwischen der Kultnische und einem rechteckigen Altar liegt. Schon 2012 hatten die Forscher festgestellt, dass der Omphalos die Öffnung einer darunterliegenden Marmorplatte verschließt. In diesem Jahr unterzogen sie diese Platte einer näheren Untersuchung.
Inschrift enthüllt wahren Zweck
Schon unmittelbar nach der Abhebung von Omphalos und Marmorplatte wurde klar, dass es sich hier um ein bisher einzigartiges Monument handelt. Denn unter dem Omphalos befindet sich ein rund neun Meter tiefer, mit Tonzylindern befestigter Brunnen. Mehr als 20 Inschriften auf den Tonzylindern identifizieren den Brunnen als Ort eines Orakels. In griechischen Lettern steht unter anderem geschrieben: ΕΛΘΕ ΜΟΙ Ω ΠΑΙΑΝ ΦΕΡΩΝ ΤΟ ΜΑΝΤEΙΟΝ ΑΛΗΘΕΣ – “Komm zu mir, oh Paian, und bringe den wahren Orakelspruch mit”.
Dabei handelt es sich um die typische Anrufung einer Gottheit. Durch die Inschriften im Brunnen wird das Heiligtum als Ort eines Wasserorakels erkennbar. Paian – “der Helfende” ist einer der Beinamen des Apollon, wie die Forscher erklären. Sie schließen daraus, dass Apollon hier gemeinsam mit seiner Schwester Artemis Soteira verehrt wurde.





