Die moderne Genetik hat auch die Erforschung der Menschheitsgeschichte revolutioniert: Erbgut-Spuren, die in Knochen oder in bestimmten Materialien die Zeit überdauert haben, können Einblicke gewähren, die traditionelle Techniken der Archäologie nicht bieten. Forscher entdecken auch immer weitere Möglichkeiten, genetisches Material aus längst vergangenen Lebenswelten zu gewinnen. Ein dänisch-britisches Forscherteam rückt dabei nun Materialien in den Fokus, die oft bei Ausgrabungen in verschiedenen Kontexten gefunden werden: Objekte und Strukturen aus Lehm oder Ton.
Bei ihrem Untersuchungsobjekt handelt es sich um einen Lehmziegel aus der Sammlung des Dänischen Nationalmuseums in Kopenhagen. Er stammt aus einer Ausgrabung in den Ruinen der einstigen neuassyrischen Residenzstadt Kalhu am Fluss Tigris im heutigen Nordirak. Der Baustein lässt sich genau zuordnen, denn er wurde nach seiner Fertigstellung einer bestimmten Verwendung zugeschrieben: Eine Keilschrift in akkadischer Sprache besagt, dass er zum Palast des Königs Ashurnasirpal II. gehörte. Somit lässt sich der Lehmziegel auf dessen Regierungszeit datieren, die bis 869 v. Chr. reichte.
Tonobjekte als Zeitkapseln
Wie die Wissenschaftler berichten, entwickelte sich die Idee zur Untersuchung durch ein kleines Unglück: Bei einer Begutachtung brach der Lehmziegel. Dadurch wurde Material offengelegt, das rund 2900 Jahre eingeschlossen und damit auch vor genetischen Kontaminationen aus neuerer Zeit geschützt geblieben war. So entschlossen sich die Forscher auszuloten, inwieweit sich alte DNA-Spuren aus dem Lehm gewinnen lassen. Potenzial lag nahe, denn Lehmziegel wurden einst aus einer Mischung von tonhaltigen Erden und organischen Materialien wie Stroh oder Mist hergestellt und luftgetrocknet. Um genetisches Material aus Proben von der inneren Bruchregion des Ziegels zu gewinnen, modifizierten die Forscher Protokolle, die bisher für andere poröse Materialien wie Knochen verwendet werden.
Die Bemühungen waren erfolgreich: „Wir waren begeistert, als wir feststellten, dass sich tatsächlich vor Kontaminationen geschützte DNA aus diesem 2900 Jahre alten Ziegelstein extrahieren ließ“, sagt Co-Erstautorin Sophie Lund Rasmussen von der University of Oxford. Anschließend konnten die Wissenschaftler das genetische Material für eine metagenomische Analyse einsetzten. Bei diesem Verfahren werden die gefundenen DNA-Fragmente sequenziert und dann mit Referenzdatenbanken verglichen. So können sie bekannten Lebewesen oder zumindest Organismengruppen zugeordnet werden. Im Rahmen der Studie beschränkten sich die Forscher bisher auf die Bewertung von pflanzlicher DNA, da sie die besten Resultate lieferte.





