Motivation und Hintergrund für die Teilnahme am Kampf waren sich ähnlich: Man wollte vom Römischen Reich, einer „Vorratskammer mit Selbstbedienung“, wie Klaus Rosen es in seiner neuen Biographie über Attila prägnant ausdrückt, gut bezahlt als Soldat leben. Zwei Wege führten zu diesem Privileg: Die Truppen des Aëtius dienten meist als Föderaten (nicht-römische Krieger, mit denen ein Vertrag geschlossen worden war) auf Reichsboden. Die Vielvölkerföderation unter hunnischer Führung setzte das Reich von außen unter Druck und erwartete erhebliche Zahlungen für die Wahrung des Friedens. Attila wie seine Vorgänger Octar und Rua hatten diese „hunnische Alternative“ (Herwig Wolfram) für einige Jahrzehnte sehr erfolgreich umgesetzt.
Rosens Buch ist aus mehreren Gründen eine bereichernde, angenehme und hilfreiche Lektüre. Der Altmeister seines Fachs verfügt nicht nur über einen breiten Horizont, er schreibt auch ein klares, elegantes und präzises Deutsch. An vielen Stellen bettet Rosen seine quellenorientierten und exakten Schilderungen des 4. bis 6. Jahrhunderts in weitreichende Überlegungen ein. Diese enttarnen die Bilder von Invasion, Untergang und der Verteidigung Europas gegen seine Feinde: Es sind klischeehafte Zuspitzungen späterer Zeiten. Hier sind die einleitenden Kapitel „Attila aktuell“, „Sturm über Europa“ und „Wer waren die Hunnen“ besonders hervorzuheben.
Die Bezüge des 20. Jahrhunderts auf die Hunnen – etwa von Deutschen gegen Sowjets oder von Briten gegen Deutsche in Anschlag gebracht – finden sich ebenso analysiert wie die antiken ethnographischen Stereotypen etwa eines Ammianus Marcellinus, die für Jahrhunderte die einschlägigen Hunnenbilder prägten. Wie sehr, das zeigt schon das Herder-Zitat im Untertitel: „Attila, der Schrecken der Welt“.
Hunnen kämpften jedoch nicht nur gegen, sondern auch mit und für Rom, so wie Goten, Alanen und viele andere Völker dieser Epoche auch. Ihre Geschichte ist nicht die der „ganz Anderen“, sondern Teil der römischen. Außerdem sind die zur Verfügung stehenden Quellen lateinische und griechische. Die Spätantike ist dabei besonders quellenreich, eine Erzählung nicht einfach zu bieten. Rosen aber ist es gelungen, die wesentlichen Entwicklungen der römischen Geschichte aus der Sicht der Geschichte der Hunnen verständlicher zu machen.
Rezension: PD Dr. Roland Steinacher





