Es ist das gängige Klischee zur frühen Arbeitsteilung bei Jägern und Sammlern: Während die Männer auf die Jagd gehen, kümmern sich die Frauen um die Kinder und tragen allenfalls durch das Sammeln von Früchten, Wurzeln oder anderer Pflanzennahrung zur Versorgung der Gruppe bei. Diese Sicht auf das Leben unserer Vorfahren herrscht nicht nur bei Laien vor, sie hat auch jahrzehntelang die Interpretation archäologischer Funde geprägt: Fand man in einem Grab Jagd- oder Kriegswaffen als Beigabe, gingen Archäologen meist davon aus, dass es sich um die Überreste eines Mannes handelte.
Spurensuche bei 63 Jäger-und-Sammler-Kulturen
Doch mit der Möglichkeit, das Geschlecht von Toten anhand ihrer DNA zu bestimmen, traten immer mehr Fälle auf, in denen dieses gängige Bild nicht mehr passte. “Eines der prominentesten Beispiele ist ein 9.000 Jahre altes Grab bei Wilamaya Patjxa im Andenhochland von Peru”, berichten Abigail Anderson von der Seattle Pacific University und ihre Kolleginnen. “In diesem Grab lag eine erwachsene Frau zusammen mit Jagdwerkzeugen, darunter Steinpfeilspitzen und Werkzeuge zur Verarbeitung der Jagdbeute.” In einer vor kurzem erschienenen Untersuchung von 27 Gräbern in der Neuen Welt, die Grabbeigaben für die Großwildjagd enthielten, erwiesen sich elf Tote als Frauen.
Diese und weitere Funde werfen die Frage auf, wie berechtigt das gängige Bild des Mannes als Jäger und der Frau als Sammlerin tatsächlich ist. Um dies genauer zu untersuchen, haben Anderson und ihre Kolleginnen sich in heutigen Jäger-und-Sammler-Kulturen umgesehen. Für ihre Studie werteten sie Daten zu 63 Naturvölkern auf verschiedenen Kontinenten aus, deren Lebensweise und Jagdverhalten in den letzten 100 Jahren untersucht und dokumentiert worden ist. “Wir suchten dabei gezielt nach Angaben wie: ‘Die Frauen gingen jagen’ oder “Die Frauen töteten Tiere’, um die Fälle auszuschließen, in denen Frauen nur mit auf die Jagd gingen, um hinterher die von Männern erlegte Beute nach Hause zu tragen”, betonen Anderson und ihr Team.
Jägerinnen in 79 Prozent der Kulturen
Die Auswertung ergab: In 50 der 63 Jäger-und-Sammler-Kulturen gab es klare Belege dafür, dass Frauen auf die Jagd gingen, dies entspricht 79 Prozent der untersuchten Kulturen. Beim größten Teil dieser Naturvölker erlegten Frauen nicht nur dann Tiere, wenn sie ihnen zufällig beim Sammeln und anderen Tätigkeiten über den Weg liefen, sondern sie gingen gezielt auf die Jagd, wie die Forscherinnen ermittelten. “In Gesellschaften, in denen das Jagen als die wichtigste Methode zur Nahrungsbeschaffung gilt, nehmen Frauen in 100 Prozent der Zeit daran teil”, berichten sie. Wie die Männer jagten und erlegten die Frauen dabei auch Großwild.





