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Auch mit Krone eine tragische Figur
Als Königin von England wähnte sich Maria endlich am Ziel. Doch bereits mit der Entscheidung, Philipp von Spanien zu heiraten, stieß sie ihre Untertanen vor den Kopf. Ihr brutales Vorgehen bei der Rekatholisierung des Landes beschädigte ihren Ruf schließlich dauerhaft.
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Am 3. August 1553 erreichte Maria die Kapitale London, die letzte Phase der Unsicherheit hatte sie zuvor auf Framlingham Castle, ihrem Zufluchtsort an der Ostküste Englands, verbracht. Der Einzug durch das östliche Stadttor glich einer Prozession, mit der sie die Macht einer Königin demonstrierte. Maria war in purpurroten Samt und Satin gekleidet. Die mit Goldbrokat durchwobenen Gewänder glänzten. Dazu trug sie einen mit Perlen und Edelsteinen besetzten Halsschmuck.
Der Königin folgten rund 3000 ebenfalls feierlich gekleidete Edelleute und Botschafter. Es war das erste sichtbare Zeichen einer weiblichen Herrschaft in England, daher musste der Eindruck, den die Königin machte, überwältigend sein. Die Rechnung ging auf: Maria wurde triumphal empfangen. Rückblickend kann man sagen, dass es tatsächlich ein in ihrer weiteren Regierungszeit nie wieder erreichter Höhepunkt ihrer Popularität war.
Für Maria war die Besteigung des englischen Throns ein ganz persönlicher Triumph. Eine echte Genugtuung nach einer endlosen Reihe von Demütigungen seit der Trennung ihrer Eltern. Obwohl Heinrich VIII. 1544 ihr Anrecht auf die Krone – sollte sein Sohn Eduard keine eigenen Nachfahren haben – bekräftigt hatte, war dies zu keinem Zeitpunkt wirklich sicher gewesen.
Trotz all der Versuche, ihre Herrschaft zu verhindern, die selbst noch Eduard und seine Berater unternommen hatten, zweifelte nun aber kaum jemand an der Legitimität ihrer Thronfolge, nicht einmal die Protestanten im Land. Viele sahen ihre Thronbesteigung gerade wegen all der Widrigkeiten als wundersam an, als eine göttliche Bestätigung ihrer Rechtmäßigkeit.
Zahlreiche Protestanten widerriefen in der Folge der Krönung Marias ihren Glauben und wurden wieder zu treuen Katholiken – einige aus Kalkül, aber viele waren überzeugt, dass die Krönung einer Katholikin ein Zeichen Gottes war. Die meisten Menschen in England hingen ohnehin noch an den alten Bräuchen. Für viele war Maria außerdem das einzig legitime Kind Heinrichs, da die Ehe mit ihrer Mutter Katharina von Aragón ja niemals vom Papst geschieden worden war.
Die verhängnisvolle Wahl des Bräutigams
Dass Maria die Zuneigung ihrer Untertanen nicht lange genießen konnte, lag an ihrer ersten wegweisenden Entscheidung als Königin: der Wahl ihres Gemahls. Warum ausgerechnet Philipp von Spanien, der Sohn Kaiser Karls V.? Das dürften sich nicht nur viele in ihrem Kronrat, sondern auch die meisten Menschen im Land gefragt haben.
Philipp war ein machtbewusster, geostrategisch denkender Prinz. Diese Kombination machte ihn für Maria attraktiv, für ihre Berater und auch das Volk aber war die Entscheidung für Philipp ein Problem. Sie wünschten sich einen Engländer als Gatten und fürchteten zu viel Einfluss des Spaniers, sowohl auf die Politik Englands als auch auf die Königin selbst.
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Dass Maria ihn als den Richtigen ansah, lag auch an den familiären Verflechtungen. Philipp war ihr Cousin. Der Sohn ihres größten und mächtigsten Protektors während ihrer schwersten Jahre: Es war Karl V., der erwirkt hatte, dass Maria im reformierten England weiterhin die katholische Messe abhalten durfte. Sie vertraute einfach auf sein Urteil, als er ihr seinen eigenen Sohn Philipp als Ehemann vorschlug.
Maria hofft auf ein eigenes Kind als Thronfolger
Für Maria konnte es dabei nicht schnell genug gehen. Ihr war klar, dass ihre protestantische Halbschwester Elisabeth ihr auf den Thron folgen würde, sollte sie kinderlos bleiben. Maria war 1553 bereits 37 Jahre alt – und höchstwahrscheinlich noch Jungfrau. Sie musste handeln. Und so setzte sie sich gegen alle Bedenken – auch ihre eigenen – durch und übermittelte am 29. Oktober 1553 dem spanischen Botschafter ihre Einwilligung zur Hochzeit mit Philipp. Gott selbst habe sie dazu inspiriert.
Die Reaktionen auf diese Entscheidung ließen nicht lange auf sich warten. Denn es kam nicht nur der erwartbare Unmut in der Bevölkerung auf, sondern es formierte sich auch eine handfeste Rebellion. Zu Beginn des Jahres 1554 versammelte ein Adliger namens Thomas Wyatt (ein Sohn des gleichnamigen berühmten Poeten) eine Armee in Kent, um nach London zu ziehen. Dabei hatte er zu Beginn noch die Thronfolge Marias unterstützt.
Wyatt steht damit exemplarisch dafür, wie sich selbst Gefolgsleute von der Königin abwandten und sogar einen gewaltsamen Umsturz anzettelten. Zwar scheiterte die Rebellion – Wyatt und seine engsten Vertrauten wurden wegen Hochverrats hingerichtet –, aber Marias Ehe war schon zum Problem geworden, bevor sie überhaupt geschlossen wurde.
Dabei ging es nicht ausschließlich darum, dass Philipp ein Spanier war, sondern auch darum, dass Maria eine Frau war. Die erste auf dem englischen Thron. Eine außergewöhnliche Situation, auf die sich sowohl die Gesetzgebung als auch die Köpfe im Land erst einmal einstellen mussten.
In den Augen der Zeit war es Gottes Wille, dass eine Frau regiert wird – und nicht selbst regiert. Es war üblich, dass mit der Hochzeit der Besitz der Frau Eigentum des Mannes wird.
Folgte man dieser Logik, müsste die Krone Englands gleichfalls in den Besitz des zukünftigen Gatten übergehen. Marias Geschlecht warf also komplexe machtpolitische Fragen auf, zu denen es noch keine Antworten gab. Doch zunächst schuf Maria Tatsachen: Am 25. Juli 1554 heiratete sie Philipp in der Kathedrale von Winchester, nur wenige Tage nachdem sich beide zum ersten Mal begegnet waren. Und Maria setzte bei der Trauung direkt ein erstes Zeichen ihrer Macht: Entgegen der Tradition stand sie rechts von ihrem Bräutigam, dessen Platz eigentlich rechts von ihr gewesen wäre.
Maria verliebte sich in Philipp, dieser erwiderte ihre Gefühle jedoch nicht. Äußerst widerwillig hatte er der Hochzeit zugestimmt, die für ihn mit einer Menge Auflagen verbunden war. So durfte Philipp zwar den Titel „König von England“ tragen, hatte aber nur eine beratende Funktion für seine Königin. Außerdem musste er akzeptieren, dass er im Fall einer kinderlosen Ehe nach Marias Tod keinerlei Anspruch auf den Thron haben würde.
Philipp willigte nur ein, weil es sein Vater so wollte und weil er die Verbindung zu England als strategisch vorteilhaft für die Niederlande ansah, die damals ebenfalls zu Spanien gehörten: Eine rein pragmatische, machtpolitische, leicht erzwungene Entscheidung. Für Maria bedeutete das wiederum: Ihre Zuneigung wurde nicht erwidert, was – neben all den politischen Problemen dieser Eheschließung –, auch auf emotionaler Ebene zu einer Belastung werden sollte.
Nach der Hochzeit ging es wiederum sehr schnell. Bereits nach zwei Monaten stand für Maria fest, dass sie schwanger war. Alle Anzeichen wie Unwohlsein oder ein anschwellender Bauch schienen ihren größten Wunsch nun greifbar zu machen: die katholische Thronfolge mit einem eigenen Kind zu sichern. Alles wurde für eine mögliche Geburt im April 1555 vorbereitet, und auch Philipp blieb in England, in Erwartung seines ersten Kindes mit Maria.
Doch die Zeit verstrich, ohne Wehen, ohne irgendein Anzeichen einer bevorstehenden Geburt. Nachdem von Beginn an Zweifel bestanden hatten, musste sie es selbst einsehen: Sie war nicht schwanger. Wieder einmal wurde Maria enttäuscht. Diesmal nicht von ihrem Vater, ihren Geschwistern oder rebellischen Landsleuten, sondern von ihrem eigenen Körper.
Sie hatte schon lange unter gesundheitlichen Probleme gelitten und war mit inzwischen 39 Jahren in einem zu dieser Zeit extrem kritischen Alter für Geburten. Und die nächste emotionale Enttäuschung folgte unmittelbar. Ihr geliebter Ehemann Philipp verließ sie Richtung Niederlande. Innerhalb von zwei Regierungsjahren war nicht nur die Euphorie im Volk verschwunden, auch Marias persönliche Genugtuung hatte gelitten.
Protestanten landen auf dem Scheiterhaufen
Dass die Stimmung bald sogar in offene Ablehnung umschlug, lag an dramatischen Szenen, wie sie hier beschrieben werden: „Aber selbst dann, als seine Lippen schwarz wurden und seine Zunge verstummte, bewegten sich seine Lippen immer noch im Gebet, bis sie faltig wurden und nach innen fielen. Zu dieser Zeit begann Hooper mit den Händen auf Brust oder Herz zu schlagen, bis eine Hand abfiel. Mit der anderen Hand schlug er weiter, während Fett, Wasser und Blut von seinen Fingern tropften. Als die Flamme plötzlich in all ihrer Kraft ausbrach, schlug Hooper noch einmal mit seiner letzten Kraft auf seine Brust und seine Hand stieß auf den eisernen Reifen um seine Taille. Im selben Moment hing der Körper am Reifen und gab seinen Geist auf. Hooper brannte ungefähr 45 Minuten lang. Obwohl er wie ein Lamm war, die Qual geduldig ertrug und sich nicht vorwärts, rückwärts oder seitwärts bewegte, wäre seine Qual ohne die Gnade Gottes unerträglich gewesen, und er starb wie ein Kind im Bett.“
Dieser grausige Bericht der Verbrennung des Bischofs John Hooper, der 1555 als Häretiker auf dem Scheiterhaufen starb, entstammt dem berühmten „Book of Martyrs“ von John Foxe, das erstmals 1563 in England veröffentlicht wurde. Die Martyrologie, die immer wieder neu aufgelegt wurde, ist eine Abrechnung mit Königin Maria und die Wurzel für die spätere Bezeichnung „Bloody Mary“, die das Bild der Königin bis heute prägt.
Wörtlich hat Foxe den Spottnamen zwar nie verwendet, aber er bezeichnete Marias Herrschaft als „horrible and bloudye tyme of Queene Marye“ („schreckliche und blutige Zeit der Königin Maria“). Dieser Satz wurde zum zentralen Motiv der protestantisch geführten historischen Interpretation.
John Foxe war ein Zeitgenosse Marias, er floh während ihrer Regentschaft ins Exil nach Basel. Von dort aus sammelte der Anhänger Johannes Calvins zusammen mit einem ganzen Netzwerk geflohener, inhaftierter und untergetauchter englischer Protestanten alle Berichte, Werke und Geschichten um die in England sterbenden Glaubensgenossen.
Der Glaube prägt das Leben Marias – auch als Königin
Was brachte Maria dazu, fast 300 Protestanten hinzurichten, die meisten von ihnen als Häretiker auf dem Scheiterhaufen verbrannt wie John Hooper? War es aus ihrer Sicht eine politische Notwendigkeit oder tatsächlich schiere Blutrünstigkeit?
Auch hier gibt es nicht die eine klare Antwort. Marias Leben war geprägt von ihrem Kampf für ihren Glauben, und es war klar, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun würde, um die Reformation in England zurückzudrehen. Maria war bei diesem Ansinnen beileibe keine Einzelkämpferin. In ihrem Umfeld hieß es, sie trage nicht umsonst den Namen Maria, wie die Gottesmutter. Es sei ihre Bestimmung, England zu einem Vorbild für die Wiederherstellung des „wahren Glaubens“ zu machen.
Das Ziel war jedenfalls eindeutig: Die englische Kirche sollte wieder voll und ganz dem Papst unterstellt werden. Für Maria war das eine sehr persönliche Mission, schließlich hatte die Reformation in England in gewisser Weise mit der Annullierung der Ehe ihrer Eltern begonnen.
Maria musste allerdings feststellen, dass die Reformation inzwischen weit fortgeschritten war. Viele einflussreiche englische Kleriker waren tief überzeugte Protestanten – so sehr, dass sie sogar für ihren Glauben sterben würden.
Maria ließ genau dafür die gesetzliche Grundlage schaffen, oder besser gesagt: reaktivieren. „De heretico comburendo“ war ein Statut, das 1401 den „Umgang“ mit Häretikern regeln sollte. Es legitimierte die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen, wenn häretische Ansichten nicht widerrufen wurden. Kam Maria selbst darauf, dieses mittelalterliche Statut wieder einzuführen? Sicherlich war es letztendlich ihre Entscheidung, aber es ist davon auszugehen, dass die Idee dafür aus ihrem neuen Beraterkreis kam, der sich aus katholischen Adligen und Geistlichen zusammensetzte.
Der wichtigste davon war Reginald Pole, ein Legat Roms und seit 1556 Erzbischof von Canterbury, der Maria nicht nur persönlich sehr nahestand, sondern auch einen direkten Draht zum Papst hatte.
Pole sollte sich auch um die Legitimation der Verbrennungen kümmern. In der Geschichtswissenschaft wurde häufig behauptet, dass Marias Regierung es nicht vermochte, ihre harsche Religionspolitik dem Volk zu erklären. Das wird inzwischen differenzierter betrachtet. So gab es etwa sowohl vor als auch nach den Verbrennungen Gottesdienste, auf denen die Häresie der Verbrannten dem Volk erklärt wurde. Die Verurteilten wurden als Kriminelle bezeichnet, deren Standfestigkeit, sich vor dem Scheiterhaufen nicht zu fürchten, auf einen Pakt mit dem Teufel zurückgehe.
Vermutlich sollten die qualvollen Tode auch eine abschreckende Wirkung haben und zu öffentlichkeitswirksamen Widerrufungen führen. Das gelang beispielsweise zunächst bei Thomas Cranmer, dem Erzbischof von Canterbury und damit höchsten Geistlichen der anglikanischen Kirche. In einem Schauprozess widerrief er seine Ansichten. Das war ein populistischer Coup für Marias Regierung.
Allerdings blieb dies eine Ausnahme, denn die meisten Protestanten waren inzwischen so radikal, dass nicht nur hochrangige Kleriker wie John Hooper den „Märtyrertod“ starben. Es wurden auch etliche einfache Leute in den Gefängnissen von Glaubensgenossen unter Druck gesetzt, ebenfalls für ihre religiöse Überzeugung in den Tod zu gehen. Wer seinen Glauben leugne, müsse die Strafe Gottes fürchten. So nahm letztlich auch Thomas Cranmer seine Widerrufung öffentlich zurück und wurde 1556 verbrannt.
Derweil bahnten sich außenpolitische Ereignisse an, die nicht nur Marias Untertanen, sondern auch sie persönlich erschüttern sollten: Im Verlust von Calais, der einzig verbliebenen Bastion Englands auf dem Kontinent, offenbarte sich das ganze Dilemma von Marias Politik. Im Kampf für ihre Überzeugungen bewirkte sie oft genau das Gegenteil von dem, was sie wollte.
Auch beim Debakel von Calais war die Ehe mit Philipp das ursächliche Problem. Der größte Konkurrent des Habsburgers auf dem Kontinent war der französische König Heinrich II. (1547–1559). In den Dauerkonflikt zwischen Habsburgern und Franzosen um die Vorherrschaft in Europa war nun auch Maria widerwillig hineingezogen worden. Ihr größtes Problem – ein echter Gewissenskonflikt – war die Rolle des Papstes in diesem Mächtespiel. Denn Papst Paul IV. (1555 – 1559) schlug sich auf die Seite Heinrichs und nicht auf die ihres Gatten.
Maria saß zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite Philipp, den sie zutiefst verehrte und ihn auch als Schlüssel einer katholischen Thronfolge durch ein gemeinsames Kind ansah. Und auf der anderen Seite der Papst, der Hüter ihres Glaubens, in dessen Hände sie die englische Kirche wieder legen wollte.
Zwei Männer bringen Maria in ein Dilemma
Und beide wirkten auf sie ein: Ihr Mann wollte finanzielle und militärische Unterstützung, und der Papst wollte, dass sie Philipp überzeugte, es nicht zu einem Krieg kommen zu lassen. Ihr Glaube und ihre Liebe wurden durch harte Realpolitik erschüttert. Wie sollte sie sich entscheiden?
Eine weitere Rebellion in England führte schließlich zur Eskalation. Im Frühjahr 1557 eroberte ein exilierter Adliger namens Thomas Stafford mit seinen Anhängern von Frankreich aus die wenig bewachte Burg Scarborough Castle im Norden Englands. Seine Proklamation als Lordprotektor Englands war verbunden mit Beleidigungen gegen Maria. Sie sei eine Halbspanierin, die alle Engländer hassen würde.
Auch wenn der Aufstand schnell niedergeschlagen und Stafford im Mai 1557 in London hingerichtet wurde, war dieser Vorfall mit einem schweren Autoritätsverlust der Königin verbunden. Denn es wurde bekannt, dass – wie schon bei Wyatts Rebellion – Frankreich die Umsturzpläne unterstützt hatte. Diesmal sollten sogar schon französische Truppen in Schottland stationiert gewesen sein, um England parallel vom Norden her anzugreifen.
Maria hatte nun keine Möglichkeit mehr, dem Konflikt zu entgehen, und erklärte Frankreich im Juni 1557 den Krieg. Philipp, der gerade wieder in England war, schien siegessicher zu sein: Mit England an seiner Seite lag die Vorherrschaft der Habsburger in Europa in Reichweite.
Im Juli verließ Philipp England mit einer gut ausgerüsteten Armee von bis zu 10 000 Soldaten in Richtung Calais. Im August gelang ihm die Eroberung der nordfranzösischen Stadt Saint-Quentin und damit eine Art Vorentscheidung. Der Papst willigte angesichts dieser Situation im September 1557 in einen Frieden mit Philipp ein.
Für Maria war damit allerdings noch nichts gelöst. Zwar herrschte Frieden zwischen den beiden wichtigsten Männern in ihrem Leben, aber gleichzeitig befand sie sich noch im Krieg mit Frankreich. Was für eine paradoxe Situation: Während alle um sie herum Frieden schlossen – denn auch zwischen den Habsburgern und Frankreich bahnte sich ein Friedensprozess an –, blieb ihr nur die Fortsetzung des Waffengangs gegen Frankreich.
Die englischen Truppen begaben sich im Oktober 1557 in ihre Winterquartiere. Einen Plan, wie es im folgenden Frühjahr weitergehen sollte, hatte Maria nicht. Sehr vorausschauend agierte dagegen der französische König Heinrich II. Die Flüsse im Umfeld von Calais, die sonst einen guten Schutz boten, waren im Winter zugefroren und leicht zu überqueren.
Darin sah Heinrich seine Chance. Am 3. Januar 1558 begann die Attacke der Franzosen gegen Calais, und bereits nach vier Tagen war die letzte Bastion Englands auf dem europäischen Festland eingenommen. Calais wurde französisch und blieb es. Ein Debakel für Maria, der keine passende militärische Antwort einzufallen schien.
Verlassen vom geliebten Partner
Vielleicht hing ihre Tatenlosigkeit auch damit zusammen, dass sie sich wieder in anderen Umständen wähnte. Obwohl es diesmal keinerlei äußere Anzeichen gab, schrieb sie an Philipp, dass die Schwangerschaft sie etwas über den Verlust von Calais hinwegtröste. Philipp sah aber keinen Anlass, nach England zurückzukehren. Er antwortete nicht einmal direkt, sondern schrieb einen Brief an Reginald Pole, der ihn Maria aushändigen sollte.
Maria war auch diesmal nicht schwanger. Sie war krank. Eine Grippeepidemie grassierte im Sommer 1558 in England. Sie führte zur höchsten Sterblichkeitsrate auf der Insel im gesamten 16. Jahrhundert. Fast die Hälfte der Bevölkerung infizierte sich, und im September auch Maria selbst.
Die Königin wurde immer schwächer, und es war klar, dass sie um ihr Leben kämpfte. Doch nicht einmal jetzt erachtete es Philipp für notwendig, nach England zurückzukehren, stattdessen schickte er einen Franziskanermönch als Arzt. Noch drei Tage vor Marias Tod schrieb dieser an Philipp, wie schlecht es der Königin gehe und dass ein Brief von ihm sicher ihre Vitalität zurückbringen würde.
Doch nun war es zu spät. Am Morgen des 17. November 1558 wurde die Morgenmesse an ihrem Bett abgehalten, kurz darauf starb Maria Tudor, die erste Königin von England.
Die Trauerfeier fand am 13. Dezember 1558 statt. Einer Legende nach soll Maria mit dem Wort „Calais“ auf ihrem Herzen begraben worden sein. Ob es nun wahr ist oder nicht, allein, dass es die Legende gab, verdeutlicht nochmals die offensichtliche Tragweite dieses Verlustes.
Die Trauerfeier zeugte zuletzt noch einmal von der großen Wertschätzung, die Maria zu Beginn ihrer Regentschaft entgegengebracht worden war. Bischof John White ehrte sie in seiner Predigt unter Tränen: „Sie war die Tochter eines Königs, die Schwester einer Königin, die Frau eines Königs. Sie war eine Königin, trug aber gleichzeitig den Titel eines Königs.“
Und Marias letzter Wille? Sie hatte, wie damals üblich, wenn einem als Königin eine Geburt bevorsteht, ihr Testament gemacht. Darin bat sie darum, dass ihre Mutter exhumiert und neben ihr begraben werden sollte. Ihr Wunsch wurde niemals erfüllt.
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