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Auf dem Weg ins Kanzleramt
Auf gleich drei Bühnen wurde Konrad Adenauer 1945 aktiv: als Mitbegründer der CDU, als Fraktionsvorsitzender der CDU im Düsseldorfer Landtag sowie als Vorsitzender des Parlamentarischen Rats, der das Grundgesetz beschloss. Zusammen mit seiner Begabung als Wahlkämpfer half ihm all dies, 1949 das Amt des…
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von MARIE-LUISE RECKER
Mit dem Vorrücken der alliierten Streitkräfte auf Köln änderte sich Adenauers Lage fundamental. Als US-amerikanische Offiziere Mitte März 1945 Rhöndorf erreichten, trugen sie ihm an, in Köln erneut das Amt des Oberbürgermeisters zu übernehmen. Nach kurzem Zögern zeigte er sich bereit, in seine alte Funktion in der Stadt am Rhein zurückzukehren. Allerdings sollte seine Amtszeit nicht lange währen: Die britische Besatzungsmacht, die Ende Juni 1945 an die Stelle der Amerikaner getreten war, verfügte am 6. Oktober 1945 seine Entlassung – sie warf ihm vor, er habe es bei der Reorganisation des wirtschaftlichen Lebens der Stadt an Gehorsam fehlen lassen und zudem bei der Auswahl seiner Mitarbeiter zu einseitig auf alte Kontakte gesetzt. So blieb der erneute Antritt als Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Episode. Stattdessen wurde Adenauer nach 1945 zum entscheidenden Motor des parteipolitischen Neuanfangs.
Katholische und protestantische Christen suchen und finden Gemeinsamkeiten
Die Idee, eine interkonfessionelle christliche Partei zu gründen, war nicht neu, doch hatte sich im Kaiserreich wie in der Weimarer Republik die konfessionelle Schranke als so stark erwiesen, dass entsprechende Ansätze im Sand verlaufen waren. Nach 1945 war dies anders: Die bittere Erfahrung der Zerstrittenheit des Weimarer Parteiensystems, aber auch die Entstehung gemeinsamer politischer Überzeugungen bei Katholiken und Protestanten im Angesicht von Verfolgung und Widerstand ließ die Idee einer auf christlicher Grundlage basierenden politischen Partei wieder aufleben.
Gründungskerne der Christdemokraten waren Berlin, Köln und Frankfurt am Main. Im Rheinland und in Westfalen konnte die neue Partei an das engmaschige Geflecht der katholischen Arbeiterbewegung anknüpfen, die bisher in der Zentrumspartei verortet gewesen war. In überwiegend protestantischen Gebieten waren die Gründungszirkel der neuen Partei dagegen stärker bürgerlich-konservativ geprägt, standen hinter ihnen doch im Wesentlichen frühere Mitglieder der Mitte- und Rechtsparteien der Weimarer Republik. Die Integration dieser unterschiedlichen Gründungszirkel in eine interkonfessionelle Partei und die Bindung katholischer wie protestantischer Bevölkerungsgruppen an sie erwies sich zunächst als schwierig und konfliktreich, wurde aber auf lange Sicht zum eigentlichen Erfolgsrezept der CDU.
In Köln erwuchs die neue Partei aus einem Kreis früherer Zentrumsmitglieder und christlicher Gewerkschaftler. Diesem Zirkel gehörte Adenauer zwar nicht an, doch war er über dessen Aktivitäten durchaus informiert. Selbst an der Gründungsversammlung des Landesverbandes Rheinland der neuen Partei am 2. September 1945 nahm er nicht teil, wurde aber in die siebenköpfige Parteispitze aufgenommen. Diese Wahl trotz Abwesenheit lässt erkennen, dass viele der Delegierten ihn bereits jetzt als eine der zentralen Figuren der neuen Partei ansahen.
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Aufgrund ihrer Mitgliederzahl und ihrer programmatischen Vorreiterrolle entwickelte sich die CDU der britischen Zone mehr und mehr zur Keimzelle der späteren Bundespartei. Hieran hatte Adenauer entscheidenden Anteil, denn es gelang ihm, sich an die Spitze dieser Entwicklung zu setzen und auch das politisch-programmatische Profil der neuen Partei maßgeblich zu prägen. Als entscheidendes Führungsinstrument diente ihm hierbei der Zonenausschuss der CDU, der Delegierte aus den acht Landesverbänden der britischen Zone zusammenführte und an dessen Spitze er sich im Februar 1946 wählen ließ.
Dagegen blieb die zonenübergreifende Zusammenarbeit schwierig, vielmehr standen das Eigenständigkeitsbestreben der einzelnen Landesparteien wie auch politisch-programmatische Differenzen einer engeren Kooperation entgegen. Somit einigten sich die Vorsitzenden der größten Parteiverbände, darunter Adenauer, darauf, eine „Arbeitsgemeinschaft der Christlich-Demokratischen und der Christlich-Sozialen Union“ ins Leben zu rufen. Dieses als Vorstufe einer Gesamtunion gedachte Gebilde war bis zur Gründung der Bundespartei 1950 das ranghöchste Beratungsorgan der CDU.
Adenauer erlebt lehrreiche Zeiten im Landtag von Nordrhein-Westfalen
Die zweite Bühne, auf der Adenauer nach 1945 aktiv wurde, war die nordrhein-westfälische Landespolitik. Allerdings strebte er hier keine Funktion in der Regierung in Düsseldorf an, sondern suchte seinen Platz in der CDU-Landtagsfraktion. In dem nach der Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen ernannten Landtag, der sich am 2. Oktober 1946 konstituierte, ließ sich Adenauer prompt an die Spitze der Fraktion wählen. Von dieser Position aus suchte er die Bildung des neuen Kabinetts maßgeblich zu beeinflussen. Als seine personellen und inhaltlichen Vorstellungen sich nicht durchsetzen ließen, beschloss die Fraktion auf seine Initiative hin, sich vorerst nicht an der Regierung zu beteiligen.
Erst die Kommunalwahlen im Herbst 1946 machten die Christdemokraten zur mit Abstand stärksten Kraft im Land. Mit deutlich erhöhtem politischem Gewicht traten sie nun der Regierung in Düsseldorf bei. Allerdings blieben Konrad Adenauers Vorbehalte weiter bestehen: Vor allem die Frage einer Zusammenarbeit der Parteien in Form einer großen Koalition, aber auch bestimmte personalpolitische Entscheidungen waren es, die ihm nicht behagten.
Als nach der Landtagswahl vom 21. April 1947 die Karten neu gemischt wurden, hatte Adenauer die Chance, seine Vorstellungen besser durchzusetzen. Auch in diesem Urnengang war die CDU stärkste Partei geworden, benötigte jedoch – wenn sie die SPD in die Opposition verweisen wollte – zumindest zwei kleinere Koalitionspartner. Der Versuch des alten und neuen Fraktionschefs, FDP und Zentrum mit ins Boot zu holen, scheiterte jedoch am Arbeitnehmerflügel seiner Partei. Stattdessen konnte sich der Christdemokrat Karl Arnold, Kopf der Sozialausschüsse und bereits in der Vergangenheit Stellvertretender Ministerpräsident, mit seinem Konzept eines Zusammengehens von Christ- und Sozialdemokraten durchsetzen.
In einem solchen rund um die Gewerkschaftsachse beider Parteien konstruierten Bündnis sah Arnold nicht nur eine breite Schnittmenge für die Gestaltung der anstehenden Aufbau- und Neuordnungsmaßnahmen, sondern auch eine zentrale Voraussetzung für die Sicherung der noch ungefestigten Demokratie in Deutschland. In der Koalitionsfrage unterschied sich Ade-nauer fundamental von seinem Kontrahenten. Am 17. Juni 1947 wurde Arnold jedenfalls mit großer Mehrheit zum Ministerpräsidenten eines Bündnisses aus CDU, SPD, KPD und Zentrum gewählt.
Die dreijährige Amtszeit an der Spitze der CDU-Fraktion im Düsseldorfer Landtag war für Adenauer eine wichtige Erfahrung. Zwar war ihm die parlamentarische Bühne nicht fremd, doch kam seiner Funktion als Fraktionsvorsitzender in Düsseldorf ein besonderes Gewicht zu: Hier sammelte er politische Erfahrungen; hier stand er vor der Aufgabe, die Fraktion als Stütze des Kabinetts zu plazieren, aber gleichzeitig deren Mitspracherechte im Regierungshandeln zu wahren; hier musste er dafür sorgen, die politischen Kräfte innerhalb der Fraktion – zwischen dem Gewerkschafts- und dem Wirtschaftsflügel, zwischen katholischen und protestantischen Abgeordneten, zwischen rheinischen und westfälischen Regionalinteressen – auszubalancieren und damit deren Zusammenhalt sicherzustellen. Angesichts der nach wie vor prekären Lage der CDU – organisatorisch wenig konsolidiert, ein eher unentschiedenes programmatisches Profil – kam der Arbeit der Parlamentsfraktion und ihres Vorsitzenden eine wichtige Außenwirkung zu.
Adenauer als Vorsitzender des Parlamentarischen Rates
Der Düsseldorfer Landtag war dennoch letztlich ein Nebenschauplatz. Adenauers eigentlicher politischer Aktionsraum war der entstehende westdeutsche Staat. Das wichtigste Gremium, in das er sich in diesem Zeitraum wählen ließ und in dem er zielstrebig an die Spitze trat, war der Parlamentarische Rat, der am 1. September 1948 in Bonn zur Beratung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zusammentrat. Hier konnte Adenauer erneut eine zentrale Rolle spielen. Zum einen war er hinter den Kulissen des Parlamentarischen Rats vielfach als Vermittler zwischen widerstreitenden Interessen und Ansichten tätig, suchte praktikable Lösungen in umstrittenen Fragen zu erzielen und so die Beratungen zum Erfolg zu führen. Zum anderen hielt er als dessen Vorsitzender Kontakt zu den Militärgouverneuren, die am Ende das Grundgesetz zu genehmigen hatten.
In beiden Fällen trat er „kalt und distanziert“ auf, so bilanzierte der britische Verbindungsoffizier zum Parlamentarischen Rat, ein häufiger Gesprächspartner. Selbst Adenauers eigene Mitarbeiter würden darüber klagen, dass es ihm im menschlichen Umgang an Wärme und Freundlichkeit fehle. Dennoch: Als Präsident des Parlamentarischen Rates wuchs der Kölner in die Rolle des Sprechers und Repräsentant der Westdeutschen gegenüber den Westmächten hinein.
Über die Grundzüge der neuen Verfassung waren sich die 65 Abgeordneten des Parlamentarischen Rates weitgehend einig: Der Rechtsstaat in Deutschland sollte gefestigt und eine parlamentarische Demokratie westlichen Musters errichtet werden. Ebenso stimmte man darin überein, dass man „Lehren aus Weimar“ ziehen, also Strukturprobleme der Weimarer Verfassung beheben wollte, die, so die zeitgenössische Einschätzung, den Untergang der ersten deutschen Demokratie verursacht oder zumindest begünstigt hatten.
So sollten die Rechte des Bundespräsidenten deutlich beschnitten und er im Wesentlichen auf seine Repräsentationsfunktionen zurückgeworfen werden. Auch sollte er nicht mehr direkt vom Volk, sondern von einer Bundesversammlung gewählt werden. Im Gegenzug wollte man die Stellung des Kanzlers stärken. Zwar würde er vom Bundespräsidenten vorgeschlagen, doch lag die Entscheidung über seine Wahl allein beim Bundestag. Entscheidender noch für den Versuch zur Stabilisierung der parlamentarischen Regierung mit verfassungspolitischen Mitteln war die Einführung des konstruktiven Misstrauensvotums. Dessen Grundgedanke bestand darin, den Sturz der Regierung durch das Parlament nur zuzulassen, wenn gleichzeitig ein neuer Kanzler gewählt wurde. Mit dieser Bestimmung sollte der Regierungschef vor der Abwahl durch eine heterogene Parlamentsmehrheit geschützt und seine Führungsrolle her-ausgestrichen werden. Zudem erhielt er das Recht zur Auswahl seiner Minister, legte die Ressortzuständigkeiten fest und bestimmte generell „die Richtlinien der Politik“.
Am 23. Mai 1949 konnte Adenauer als Präsident des Parlamentarischen Rats seine Unterschrift unter das Grundgesetz setzen. Damit war die Basis für eine Demokratie in Deutschland gelegt, wobei neben den Rekurs auf die Paulskirchen- und die Weimarer Verfassung auch angelsächsische Vorbilder getreten waren.
Allerdings sah sich die junge Bundesrepublik noch immer unter die Vormundschaft der Alliierten Hohen Kommission gestellt, die im September 1949 an die Stelle der Militärgouverneure getreten war. Nach dem Besatzungsstatut verfügten die drei Westmächte nicht nur nach wie vor über die Souveränität des neuen Staates, sondern bestimmten auch dessen Außenpolitik und garantierten dessen Sicherheit. Zudem übten sie eine generelle Kontrolle über die Politik der Bundesregierung aus. Bis zum Jahr 1955 konnten diese Vorbehaltsrechte schließlich in mehreren Schritten abgebaut werden.
Bundestagswahlkampf 1949: SPD und CDU ringen miteinander
In den Wahlkampf für die erste Bundestagswahl stürzte sich Adenauer mit großem Engagement. Schon vor den entsprechenden Urnengängen in Nordrhein-Westfalen hatte er sich als ausgebuffter Wahlkämpfer gezeigt, der mit klarer Sprache, kalkulierter Polemik und bewussten Überzeichnungen seine Zuhörer in den Bann zog. Dies wiederholte sich im Sommer 1949. Die entscheidende Auseinandersetzung fand zwischen Unionsparteien und Sozialdemokratie statt, wobei die wirtschaftpolitischen Programme beider Parteien im Vordergrund standen.
Die CDU hatte hier mit Ludwig Erhard und seinem Konzept der „Sozialen Marktwirtschaft“ neben Adenauer ein zweites zugkräftiges Wahlkampfpferd. Dem setzte die SPD ihre planwirtschaftlichen Vorstellungen entgegen, die jedoch in der Wählerschaft nicht in demselben Maße verfingen, wie dies für Erhards Ansatz galt. Am Wahltag, dem 14. August 1949, lagen CDU und CSU mit 31,0 Prozent der abgegebenen Stimmen knapp vor der SPD mit 29,2 Prozent; das restliche Drittel der Stimmen entfiel auf die kleineren Parteien.
Die Frage, welche politischen Folgerungen sich aus diesem Wahlergebnis ableiten ließen, wurde dann auf einer Zusammenkunft führender Vertreter von CDU und CSU in Adenauers Wohnhaus in Rhöndorf eine Woche später besprochen. Die Überlegung, ob die anstehenden Wiederaufbaumaßnahmen nicht das Zusammengehen der beiden größten Parteien notwendig machen würden, wurde auch unter den Anwesenden durchaus angestellt. Beim Treffen in Rhöndorf konnte der Hausherr seine Gäste jedoch davon überzeugen, dass die Wähler dafür votiert hätten, die bereits im Frankfurter Wirtschaftsrat praktizierte Koalition mit FDP und Deutscher Partei fortzusetzen, und dass auch die SPD kein Interesse an einer großen Koalition mit einem Unionskanzler an der Spitze verspüre.
Auch erste Personalien wurden erörtert, darunter der Plan, Adenauer zum Kanzler zu wählen. Als Gründe für seine Bereitschaft zur Kandidatur führte er seine starke Position in der CDU der britischen Zone und generell seine politischen Erfahrungen an. Außerdem habe er „stärkere Ellenbogen, als ich früher geglaubt hätte“, ein deutlicher Hinweis darauf, wie er sein künftiges Amt führen wollte. Mit betontem Understatement teilte er seinen Zuhörern zudem mit, dass er nach Ansicht seines Arztes trotz seiner 73 Jahre leistungsfähig genug sei, um das Amt noch für zwei Jahre zu führen. Es sollten schließlich 14 Amtsjahre werden.
Die in Rhöndorf getroffenen Absprachen mussten nun noch von den dort nicht geladenen Mitgliedern der Parteispitze gebilligt werden. Widerstand gegen die ins Auge gefasste „bürgerliche“ Koalition fiel denn auch rasch in sich zusammen. Auch die Koalitionsverhandlungen führten schließlich zum Erfolg. So konnte sich Adenauer am 15. September 1949 der Wahl zum Bundeskanzler stellen: Im ersten Wahlgang erhielt er 202 Stimmen – das war das absolute Minimum. Am 20. September wurde dann das Kabinett vereidigt, und der frisch gebackene Kanzler verlas vom Redepult des Bundestages aus seine erste Regierungserklärung.
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