Zunächst flohen die meisten Exilanten in die europäischen Nachbarstaaten Deutschlands. Überzeugte Kommunisten emigrierten in die Sowjetunion, wo viele von ihnen der stalinistischen Verfolgung ausgesetzt waren. Nachdem das Deutsche Reich sein Herrschaftsgebiet schrittweise und ab 1939 gewaltsam ausgebreitet hatte, emigrierten viele Flüchtlinge erneut und unter sehr schweren Bedingungen nach Übersee. Einige Tausend gelangten sogar bis nach Bolivien, Argentinien, Shanghai oder Australien. Andere wanderten ins britische Mandatsgebiet Palästina aus und halfen dort beim Aufbau eines jüdischen Gemeinwesens.
Doch schon die Ausreise war schwierig. Solange sie überhaupt noch erlaubt war, mussten zum Teil erhebliche bürokratische Hürden im In- und Ausland überwunden werden. Auch kostete sie viel Geld, das die meisten Fluchtwilligen nicht (mehr) besaßen. Das NS-Regime, das in den ersten Jahren vornehmlich auf Vertreibung abzielte, hatte ihre Berufstätigkeit massiv eingeschränkt, die „Arisierung jüdischer Betriebe“ erzwungen und sich durch perverse Zusatzabgaben (wie die „Reichsfluchtsteuer“) bereichert.
Zudem musste jeder, der emigrieren wollte, überhaupt ein aufnahmebereites Ziel finden. Wenngleich Hunderttausende, zum Teil nach langer Irrfahrt, irgendwann irgendwo Aufnahme fanden, nahmen viele Staaten Flüchtlinge nur sehr eingeschränkt und widerwillig auf.
Wolfgang Benz, der renommierte Historiker und Exilforscher, hat mit seinem Buch „Exil“ der Fluchtbewegung von 1933 bis 1945 und den Flüchtlingen ein bewegendes Denkmal gesetzt. Seine gut lesbare Darstellung beginnt mit der politischen Emigration oppositioneller deutscher Staatsbürger zur Zeit des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik. Benz wendet sich dann verschiedenen Gruppen von Flüchtlingen bzw. den unterschiedlichen Fluchtursachen zu, wobei die Grenzen zum Teil fließend waren. Viele politische Flüchtlinge wurden zugleich vom NS-Regime als Juden verfolgt.
Benz beschreibt die verschiedenen Orte des Exils, das besonders bewegende Schicksal der Kindertransporte, die Flucht nach Palästina, die Literatur im Exil am Beispiel des Moskauer „Schriftstellerkongresses“ 1934 und die Rückkehr aus dem Exil. Viele Exilanten hatten sich ein neues Leben im Ausland aufgebaut und die Staatsangehörigkeit ihrer neuen Heimat angenommen. Trotzdem kehrten manche zumindest besuchsweise, andere sogar dauerhaft nach Deutschland zurück. Willkommen waren die Rückkehrer oftmals nicht. Sie begegneten häufig Ressentiments und erneuter Diffamierung. Ihr Exil blieb somit, jedenfalls innerlich, von Dauer.
Rezension: Prof. Dr. Philipp Austermann
Wolfgang Benz
Exil
Geschichte einer Vertreibung 1933–1945
Verlag C. H. Beck, München 2025, 407 Seiten, € 36,–





