Das Buch des englischen Schriftstellers David Gilmour vereint in geradezu exemplarischer Weise die Stärken wie Schwächen der britischen historiographischen Tradition, obwohl oder vielleicht gerade weil es nicht das Werk eines Fachgelehrten ist. Um mit dem Positiven anzufangen: Schon der Zuschnitt einer Überblicksdarstellung zur Geschichte Italiens und der Italiener aus einer umfassenden, kulturgeschichtlichen Perspektive verlangt eine gewisse Unbefangenheit den zu bewältigenden Stoffmassen gegenüber. Und Gilmour bewältigt sie tatsächlich, allerdings um den Preis einiger Ungleichgewichte. So fällt etwa das Kapitel über das „Opernland Italien“ umfangreicher aus als die gesamten Ausführungen zum antiken Rom; wie denn überhaupt mehr als zwei Drittel des Textes den letzten zwei Jahrhunderten der italienischen Geschichte gewidmet sind. Über die mitunter etwas eigenwillige Akzentsetzung tröstet jedoch der mitreißende erzählerische Schwung – eine zweite Stärke des Buchs – hinweg, und die Brillanz, mit der Gilmour den Leser zu führen versteht, gelegentlich freilich auch zu verführen.
Die suggestive Darstellung gewinnt ihren Reiz nicht zuletzt aus der unbefangenen Freude des Verfassers an klaren, eindeutigen Positionen und zugespitzten Thesen. Diese verraten allerdings mitunter mehr über die Sympathien des Autors als über die historische Wirklichkeit. Das Bild etwa, das er von den Humanisten (sympathisch) entwirft, stammt ebenso aus dem 19. Jahrhundert wie dasjenige, das er sich und den Lesern von den frühneuzeitlichen Päpsten (unsympathisch) zeichnet. Doch auf der anderen Seite stehen glänzende Passagen, wahre Kabinettstücke an zugleich verdichteter und dennoch transparenter Geschichtsschilderung, etwa das exzellente Kapitel „Venedig und der adriatische Raum“. Hier gelingt David Gilmour auf gerade einmal 20 Seiten eine Zusammenfassung der Geschichte Venedigs von höchster Konzentration.
Auch die rabenschwarzen Ausführungen zur Geschichte des Risorgimento und der italienischen Einigung im 19. Jahrhundert mit ihren bis heute nicht bewältigten Folgen überzeugen vollkommen. Italiens unrühmliche Rolle im Ersten Weltkrieg, die dunklen Jahre des Faschismus, der abgründige Gegensatz zwischen wirtschaftlichem Aufschwung und politischer Korruption in der Nachkriegszeit, die Rolle der Mafia und das „Phänomen Berlusconi“ – kurz: die historische bedingte Unvollständigkeit des italienischen Staatsbildungsprozesses – schildert und deutet der Autor dann auf ebenso kenntnisreiche wie anregende Weise. Wer wissen möchte, warum der Euro scheitern wird, der lese dieses Buch!
Rezension: Prof. Dr. Arne Karsten





