Im Frühjahr 955 machten sich die Magyaren, wie so oft in den Jahrzehnten zuvor, zu einem Raubzug nach Norden auf, begierig nach “Frauen, Gold, Stoffen, Rindern und Pferden” (György Györffy). Zunächst verbreiteten die Reiterkrieger in Frankreich und der Lombardei Angst und Schrecken, im Sommer standen sie vor Augsburg. Auf dem nahen Lechfeld kam es zur Schlacht: Die 10 000 Panzerreiter Ottos des Großen bereiteten den Magyaren eine fürchterliche Niederlage: “Das Volk der Ungarn”, so ein zeitgenössischer Chronist, “war von der Macht des heiligsten und unbesiegbaren Königs Otto sehr erschrocken und wagte nicht einmal mehr, sich zu regen”. Diese Niederlage an sich hätte kaum langfristige Auswirkungen gehabt, wäre es dadurch nicht auch in Byzanz zu einer Änderung der Politik gegenüber den Magyaren gekommen. Seit dem Jahr 943 erhielten die Ungarn sowohl von Byzanz als auch von Bulgarien Tributzahlungen. Im Gegenzug verschonten die Ungarn deren Länder mit Raubzügen. Nach der Niederlage auf dem Lechfeld hielt Kaiser Konstantin VII. die Ungarn jedoch für so geschwächt, daß er die Tributzahlungen einstellen ließ. Der neue ungarische Großfürst Taksony beantwortete die Einstellung der Tributzahlungen mit Raubzügen durch das byzantinische Reich, doch trotz aller Verwüstungen verweigerte Byzanz standhaft die Wiederaufnahme der Zahlungen, und den ungarischen Reitern blieb nichts anderes übrig, als wieder kehrt zu machen. Mit einer Katastrophe endete der Versuch Taksonys, an der Seite des Fürsten Swjatoslaw, dem Herrscher der Kiewer Rus, und des bulgarischen Zaren Peter gegen Byzanz vorzugehen. Bei Arkadiopolis errang das byzantinische Heer 970 einen triumphalen Sieg. Die Niederlage auf dem Lechfeld und das Desaster von Arkadiopolis führten 972 mit dem Regierungsantritt des Großfürsten Géza zu einer Neuorientierung der ungarischen Außenpolitik. Géza war klar, daß die Gefahr bestand, zwischen den beiden Großmächten der Zeit, dem römisch-deutschen und dem byzantinischen Reich, zermalmt zu werden. So versuchte Géza, zu einem Ausgleich mit Otto I. zu kommen. Noch 972 sandte der Großfürst eine Gesandtschaft zu Otto. Wahrscheinlich in St. Gallen trafen ihn die Emissäre Gézas. Sie baten den Kaiser um einen dauerhaften Frieden und um Unterstützung bei der Christianisierung ihres Landes. Er bestimmte den St. Galler Mönch Bruno zum Missionsbischof für Ungarn. Offiziell war Bruno dem Erzbischof von Mainz unterstellt, doch versuchten auch die Bischöfe von Salzburg und Passau ihre nach neuen Schäflein begierigen Hirtenstäbe in Richtung Ungarn auszustrecken. Besonders der Passauer Oberhirte scheint dabei zeitweise Erfolg gehabt zu haben, denn die erste Kirche in Gézas Residenz Gran (ungarisch Esztergom) war dem heiligen Stephan geweiht, dem Schutzheiligen der Passauer Diözese. Daß es dem ungarischen Großfürsten gelang, seine Unabhängigkeit zu bewahren und ein Lehnsverhältnis zu vermeiden, ist ein diplomatisches Glanzstück. Griffen die Magyaren bis dahin nur zu gern in die inneren Streitigkeiten anderer Länder ein, so erinnert Gézas außenpolitische Maxime fast an die “immerwährende Neutralität” der modernen Schweiz. Dieses Stillhalten muß dem Großfürsten äußerst schwer gefallen sein. Géza neigte zu Gewalt und Brutalität. Thietmar von Merseburg schreibt über ihn, daß er “außerordentlich grausam” gewesen sei und in seinem “plötzlichen Zorn” viele getötet habe. Obwohl er selbst Christ war, erhielt sein um 975 in Gran geborener Sohn zunächst den heidnischen Namen Vajk, doch wurde er bereits unmittelbar nach seiner Geburt auch auf den christlichen Namen Stephan getauft. Als solcher ging er in die Geschichte ein: als König Stephan der Heilige (ungarisch: Szent István király). Vajk/Stephan wuchs in Gran, der Residenz seines Vaters, auf. Géza hat die am Donauknie gelegene Stadt bewußt als seine Residenz ausgewählt. Gran liegt am Schnittpunkt von wichtigen Wasser- und Landverbindungen. Hoch über der Donau ließ Géza seinen Palast errichten – und beherrschte so den Übergang über den Fluß an dieser Stelle. Relativ nah am römisch-deutschen Reich gelegen, stand Gran zudem für die neue “westliche” Ausrichtung Ungarns. Wie alle mittelalterlichen Herrscher, setzte auch Géza auf die dynastische Heiratspolitik. Eine seiner Töchter verheiratete er mit dem bulgarischen Thronfolger Gavril Radomir, doch den größten Coup landete er mit seinem Sohn Stephan, den er 995/996 mit Gisela, der Tochter Herzog Heinrichs des Zänkers von Bayern und Schwester des späteren Kaisers Heinrichs II. verheiratete. Wenige Jahrzehnte zuvor noch hatten die Ungarn als heidnische Mörderbande gegolten; nun war ihre Herrscherfamilie mittendrin im europäischen Hochadel! Gut ein Jahr nach dieser Heirat starb Géza, und sein Sohn Stephan trat die Nachfolge an. Die Herrschaft Stephans stand auf wackeligen Füßen, denn aufgrund von althergebrachten Erbgesetzen forderten ältere Verwandte den neuen Großfürsten heraus, an erster Stelle Koppány, der Herr des Dukats von Somogy. “Offiziell” führte Großfürst Stephan seinen Sieg in der entscheidenden Schlacht auf die Fürsprache des heiligen Martin zurück, doch die tatsächliche Erklärung war eher profaner Natur: Stephans Heer bestand in seinem Kern aus schweren deutschen Panzerreitern, die sich als fürchterliche Waffe herausstellten. Den gefallenen Koppány ließ Stephan vierteilen und die einzelnen Teile an die Tore von vier Burgen nageln…





