Der Beginn in den ersten beiden Kapiteln in den an Quellen so armen „dunklen Anfängen“ liest sich zunächst etwas mühsam: Etliche Aspekte der noch sehr nebelhaften Figur Odins werden hier nur angedeutet; ihre Relevanz kann der Leser oft nicht nachvollziehen, bis die zugrundeliegenden Mythen in Kapitel 3 ausführlich erzählt werden. Mit dieser Vorstellung der Figur des Odin nimmt das Buch jedoch Fahrt auf, erweckt den Gott zum Leben und zeichnet ein abgerundetes Porträt vom ihm, wie er aus der „Edda“ und der wikingerzeitlichen Dichtung sowie aus ikonographischen Quellen weithin bekannt ist.
Die drei Kapitel des zweiten Abschnitts betrachten dann die Rezeptionen der Odinsmythen in Schrift, Bild und Musik in Hoch- und Spätmittelalter, in der frühen Neuzeit und vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Chronologisch führt der Autor durch das Labyrinth der verschiedenen Ansätze, den heidnischen Gott zu interpretieren: von Snorri Sturluson und Saxo Grammaticus bis C. G. Jung und Otto Höfler werden hier die vielen Neu- und Umdeutungen Odins, seine Vereinnahmungen und sein Nachwirken anschaulich diskutiert und in ihre jeweiligen Kontexte gestellt.
Das Buch schlägt einen zeitlich wie thematisch gewaltigen Bogen über die unterschiedlichsten Quellen zwischen antiker Mythologie, Wikingersagen, Synkretismus, völkischen Lehren, (Neo-)Nazi-Ideologie und Metal-Musik und stellt aus zahllosen Indizien eine Biographie eines der bekanntesten und zugleich rätselhaftesten Götter der nordischen Mythologie zusammen. Dass dabei am Ende kein geschlossenes und homogenes Bild entsteht, ist beileibe nicht das Verschulden des Autors, sondern liegt darin, „dass eines der markantesten Merkmale des Gottes, nämlich seine Fähigkeit zum Gestaltwandel, sich auch in der wissenschaftlichen ebenso wie in der populären Rezeption fortsetzt“.
Akademische Leser werden zwar schnell an etlichen Stellen Literaturverweise vermissen, doch dies schmälert den Wert des Buches ebenso wenig wie das Fehlen eines Sachregisters, denn „Profis“ wie Laien bietet es eine wertvolle und umfassende Gesamtdarstellung und zeichnet ein faszinierendes und sorgfältig recherchiertes Bild von den sehr unterschiedlichen Interpretationen des Gottes und seines Kultes.
Rezension: Dr. Dirk H. Steinforth
Klaus Böldl
Odin
Der dunkle Gott und seine Geschichte
Verlag C. H. Beck, München 2024, 315 Seiten, € 28,–





