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Aufbruch in die Neue Welt
Im 19. Jahrhundert wurde das Elisabethanische Zeitalter von britischen Historikern auch als Beginn des Empire gefeiert. Doch der wirkliche Durchbruch zum Kolonialreich gelang erst unter Jakob I., dem Nachfolger der „Virgin Queen“.
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Die spanischen und portugiesischen Monarchen hatten im 15. Jahrhundert ihr Recht auf Weltherrschaft aus dem päpstlichen Missionsauftrag (Papstbullen 1492/93) und ihrem bilateralen Vertrag von Tordesillas (1494) abgeleitet. Das anglikanische Tudor-England unter Elisabeth I. zog sein Recht auf außereuropäische Expansion und Besiedlung nicht nur wie das katholische Spanien aus der Doktrin der ersten Entdeckung und des effektiven Besitzes als Prinzipien des sich entwickelnden Völkerrechts, sondern vor allem auch aus der konfessionellen Gegnerschaft zu kastilischen Ansprüchen auf die durch den Papst abgesegnete Dominanz.
Die englische Königin Elisabeth I. startete wie ihr Vater Heinrich VIII. ihren kolonialen Probelauf in Irland. Die katholischen Iren, Gegner der anglikanischen Engländer und deren Monarchen, verbündeten sich mit dem katholischen Spanien, das wiederholt über Irland Invasionen gegen England zu lancieren sowie Unruhen und Attentatspläne auf die englische Königin anzuzetteln suchte.
In Irland entwickelte die englische Krone die Ideologie, die den Umgang mit nichtenglischen Menschen und Territorien künftig beherrschen sollte: eine vehemente ethnische Überheblichkeit gegenüber anderen Nationen und eine toxische Terminologie, die die Unterordnung und Abhängigkeit nichtenglischer Gebiete zementieren sollte. England plante daher in der Neuen Welt keine Vizekönigreiche wie Spanien, sondern wie in Irland, als dessen Monarchen sich die Tudors seit 1547 gerierten, die Gründung von plantations – unselbstständigen Territorien als Teil der Krondomäne und damit dem Einfluss des relativ schwachen Parlaments entzogen.
Befürworter eines Kolonialreichs versprechen goldene Zeiten
Den ideologischen Hintergrund für die antispanische Amerikapolitik Elisabeths I. bot Richard Hakluyt d. J. (1552–1616) mit seinem Traktat „A Discourse Concerning Western Planting“ (1584). Darin vertrat er die These, dass die englische Präsenz in Nordamerika die spanisch-indianischen Beziehungen stören würde. So könne man die europäischen Konflikte in die Neue Welt auslagern.
England würde vom Diktat kontinentaleuropäischer Produzenten, Lieferanten und Finanziers befreit, da es künftig teure Güter wie Wein, Seide und Gewürze in Amerika produzieren könnte. Dem chronisch klammen Land würde ein Wirtschaftswunder beschert werden. Künftige englische Kolonien würden wertvolle naval stores (Mastholz, Pech, Teer und Hanf) produzieren und die im Aufbau befindliche, noch recht bescheidene englische Flotte stärken, die hauptsächlich aus privaten Kaufmannsschiffen bestand. Denn Schiffbau war in dem entwaldeten England zu einem Problem geworden.
Die Ideen des anglikanischen Theologen könnte man aus heutiger Sicht als eine Art Sozialimperialismus beschreiben. Nach Hakluyts Ansicht würden die Kolonien kritische Geister wunderbar von innenpolitischen Problemen ablenken. Gescheiterte Existenzen könnte man in der Neuen Welt resozialisieren. Beides würde in England selbst zu einer gesellschaftlichen Befriedung führen.
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Der Punktekatalog von Hakluyt, seine systematische Sammlung aller Vorzüge und Möglichkeiten, die ein erfolgreich praktizierter Kolonialismus versprach, zeitigte unmittelbare Folgen. Die Argumente überzeugten die Königin, und 1585 startete unter der Leitung von Walter Raleigh, einem der Sea Dogs, der erste englische Versuch konkreter Landnahme und dauerhafter Siedlung in Nordamerika.
Am 9. April 1585 verließen sechs Schiffe mit 600 Personen unter der Leitung von Haudegen wie Richard Grenville (1542–1591), der zuvor in Irland Kolonisationserfahrungen gesammelt hatte, England in Richtung Nordamerika, präziser in Richtung des heutigen US-Bundesstaats North Carolina. Dieses Gebiet wurde von elisabethanischen Zeitgenossen ihrer jungfräulichen Königin zu Ehren „Virginia“ getauft, der hoffnungsvolle Siedlungskern erhielt den Namen Roanoke.
Ende Juli 1585 war die Expedition vor North Carolina gelandet. Grenville kehrte umgehend nach England zurück. Als John White (1550–1593) 1587 mit weiteren 150 Siedlern Roanoke erreichte, fand er die Kolonie verlassen vor. White segelte nach England zurück, um zusätzliche Versorgungsgüter und Siedler zu holen. Als er am 17. August 1590 wieder vor North Carolinas Küste ankam, fand er keine Spur mehr von Roanoke und den Siedlern.
Dieser gescheiterte Siedlungsversuch ging als „verschollene Kolonie von Roanoke“ in den US-amerikanischen Gründungsmythos ein. Dem Unternehmen kam nur insofern Bedeutung zu, als es englische Landansprüche legitimierte und mit Thomas Hariots „Der kurze und wahrheitsgetreue Bericht über das neu entdeckte Land Virginia“ (1588) ein interessantes Dokument für ethnologische und mentalitätsgeschichtliche Studien lieferte.
Lange hatte Elisabeth I. an den Erfolg von Roanoke geglaubt, die ertragreichen Raubzüge ihres Günstlings Francis Drake gegen Spanien in Amerika gefeiert und sich in Gemälden glamourös als Weltenherrscherin inszenieren lassen. Doch Englands Stunde als Kolonialmacht hatte trotz aller Propaganda seitens der Bewunderer Elisabeths I. – vor allem im 19. Jahrhundert – noch nicht geschlagen.
Richtig voran ging es erst unter ihrem Nachfolger Jakob VI./I. (siehe Artikel Seite 40), der seit dem Tod Elisabeths am 24. März 1603 regierte. Er verlieh 1606 einem Londoner Konsortium von Kaufleuten und Politikern eine charter, eine königliche Urkunde, als Rechtstitel für eine Koloniegründung in Amerika. Mit dieser Aktion kam das Projekt „Kolonialmacht England“ nachhaltig aus den Startlöchern.
Allerdings gab es keinen Masterplan für den Aufbau des Empire. Tatsächlich ist nichts der geschichtlichen Realität ferner: Das englische Kolonialreich, das im 17. und 18. Jahrhundert entstand und im 20. Jahrhundert seine größte Ausdehnung erlebte, war zwar das Produkt eines ausgeprägten Expansionswillens und Gewinnstrebens, wobei der Missionsgedanke eher eine Alibifunktion übernahm. Seine Initiatoren, Träger und Organisatoren ebenso wie die Motive, Ziele, Funktionen und die Ausgestaltung der kolonialen Verhältnisse hätten jedoch unterschiedlicher, vielfältiger und widersprüchlicher nicht sein können.
So bunt wie das langsam entstehende Konglomerat britischer Kolonien in Amerika, so planlos war auch die englische Kolonialpolitik im 17. Jahrhundert. Anders als die spanische Krone, die die amerikanischen Vizekönigtümer eng an sich gebunden hatte, kein Stück ihrer Kontrolle freiwillig aufgab und in zentralen Kolonialbehörden wie der 1503 gegründeten Casa de la Contratación ihren Einfluss nachhaltig geltend zu machen suchte, verzichteten die englischen Stuart-Monarchen lange, vielleicht zu lange auf die Schaffung zentraler Behörden oder auf die Formulierung einer einheitlich organisierten Kolonialpolitik.
Unter König Jakob I. macht die Kolonisierung Fortschritte
Der zweite englische Anlauf als Kolonialmacht unter Jakob I. galt wiederum der Ostküste Nordamerikas, dem Gebiet von Virginia (damals deutlich größer als die Fläche des gleichnamigen späteren US-Bundesstaats), auf das man dank des Experiments von Roanoke Besitzrechte glaubte anmelden zu können. Der Name „Virginia“, der noch auf Elisabeth I. zurückging, dokumentierte die Kontinuität.
Grundlage der Koloniegründung war die königliche charter von 1606. Kosten, Planung und Betrieb der Kolonie übernahm eine Aktiengesellschaft von Bürgern und Adligen. Die joint stock company trug den Namen „The Treasurer and Company of Adventurers and Planters of the City of London for the first colony of Virginia“. Laut der charter übernahm die Handelsgesellschaft mit königlichem Einverständnis semistaatliche Aufgaben wie Herrschafts- und Handelsrechte. Zudem besaß die Kompanie die Rechte zur Ausbeutung der Bodenschätze (Regalien) sowie für den Aufbau einer eigenen Verwaltung und Rechtsprechung. Als Gegenleistung überließ die Kompanie dem fernen Herrscher – nach portugiesischem Vorbild – 20 Prozent der Erträge aus allen Edelmetallfunden – auch in England träumte man vom Goldland El Dorado.
Der Alltag des Siedlungsprozesses zeigte, dass die Teilnehmer, erfüllt vom Goldrausch und süßen Hoffnungen auf leichte, schnelle Profite, wenig Ahnung von den harten Anforderungen des Daseins als Kolonisten hatten.
In ihrer sozialen Zusammensetzung ähnelten sie den spanischen Konquistadoren, einer militanten, kampferprobten, adligen Männerclique, die zwar mit Waffen und Pferden glänzend umzugehen wusste, aber keinen blassen Schimmer von der Landwirtschaft hatte. Vor allem verspürten diese englischen Adligen wenig Lust auf körperliche Arbeit, die sie als nicht standesgemäß ablehnten.
Kooperation mit Indigenen scheitert
Im Unterschied zu den Konquistadoren waren sie aber nicht in der Lage, die indigene Bevölkerung durch ihr militärisches Potential zur Arbeit zu zwingen. Angesichts ihrer geringen Anzahl und mangelhafter kolonisatorischer Fähigkeiten waren sie vielmehr auf deren Kooperation angewiesen.
Im ersten Schub 1607 waren auf drei Schiffen 105 Siedler an einem Ort angekommen, der Jamestown genannt wurde, zu Ehren von König Jakob I. (im Englischen „James I“). Von den 105 Siedlern waren nach ihrem eigenen Selbstverständnis 36 Mitglieder eines Standes, dessen Mitgliedschaft sie verlören, sollten sie mit ihren eigenen Händen arbeiten müssen; weitere 13 Personen besaßen spezielle handwerkliche Kenntnisse, die in der Aufbauphase der Siedlung nur beim Bau von Häusern verwendbar waren.
Nur zwölf Arbeiter waren für körperlich schwere Tätigkeiten einsetzbar; auf die Mitnahme von Bauern hatte man verzichtet. Die Siedler hatten auf Gold, Perlen und Juwelen gehofft, die man nur aufklauben musste oder die ihnen von devoten Einheimischen dargebracht würden.
Auf mühsame Lebensmittelbeschaffung waren sie nicht eingerichtet gewesen, sondern hatten auch dabei auf die Unterstützung und Versorgung durch die örtlichen Indigenen spekuliert.
Die jedoch waren alles andere als begeistert über die Neuankömmlinge und bekämpften sie wiederholt. Nach einer schweren Epidemie, möglicherweise hervorgerufen durch verdorbenes Trinkwasser, war die Stimmung der Kolonisten auf dem Tiefpunkt angekommen.
Als dann der Siedler, der noch halbwegs die Nerven behalten hatte, der altgediente Haudegen und Weltenbummler John Smith (1580–1631), von dem war chief, dem Kriegshäuptling der Powhatan, gefangen genommen wurde, schien das Schicksal von Jamestown besiegelt.
Doch gerade nun wendete sich bei den englisch-indigenen Beziehungen das Blatt. Im Kern dieses zur Legende gewordenen entscheidenden Moments steht die Häuptlingstochter Pocahontas (um 1595–1617). Angeblich soll John Smith durch ihre Fürsprache vor dem sicheren Tod bewahrt worden sein.
Nach Smiths Freilassung scheint es vorübergehend zur Kooperation gekommen zu sein. Die Powhatan versorgten die Engländer mit Lebensmitteln. Doch die Kolonisten waren für ihr Überleben weiterhin auf die nachhaltige Unterstützung aus England angewiesen. 1624 wurde die charter eingezogen und Virginia zur Kronkolonie, zur Old Dominion, erklärt.
Zur gleichen Zeit entdeckte Virginia mit dem Tabak das geeignete Agrarprodukt, das die Wirtschaft der Kolonie retten und deren Kultur nachhaltig prägen sollte.
Plantagen mit Sklavereiwirtschaft halten in Virginia Einzug
In der Folgezeit entwickelte sich aus der militant-profitgierigen Männergesellschaft, beherrscht von einer Londoner Aktiengesellschaft, eine männlich dominierte Plantagengesellschaft, die erst weiße Kontraktarbeiter (indentured servants) und dann die Zwangsarbeit schwarzafrikanischer Sklaven als scheinbar grundlegend für den Fortbestand und den Profit der eigenen Wirtschaft erachten sollte.
Zur gleichen Zeit entstanden im Norden der Ostküste mit der Plymouth Plantation (1620) und der Massachusetts Bay Colony (1630) zwei dauerhafte Kolonien Englands, deren britische Siedler andere Ziele als die Glücksritter von Virginia verfolgten. Sie waren primär aus religiösen Gründen in die Neue Welt gekommen: Die Mitglieder fundamentalistischer protestantischer Gruppierungen wollten ein neues, ein besseres England in Amerika schaffen; das alte England, dessen religiöse Führung sie als korrupt und verkappt katholisch betrachteten, verachteten diese Kolonisten.
Die Gründer der Plymouth Plantation sahen sich selbst jedoch nicht als Auswanderer, sondern blieben – wie es einige streng protestantische Passagiere des berühmten Schiffs „Mayflower“ 1620 in einem Vertrag formuliert hatten – Untertanen der britischen Krone.
In den ersten Dekaden des 17. Jahrhunderts zog es rund 1,5 bis zwei Prozent der englischen Population nach Nordamerika. Sie verließen die alte Welt der Kriege, Krisen und Unruhen, aber auch der gewachsenen Traditionen und enger familiärer und gesellschaftlicher Strukturen. Von ihrer neuen Heimat besaßen viele trotz aller Entdeckungsfahrten und wachsender Kommunikation nur sehr unklare Vorstellungen und Kenntnisse.
Dem Wecken von unrealistischen Erwartungen war so Tür und Tor geöffnet, obwohl es neben Werbeschriften und Flugblättern auch Informationsmaterialien wie Reiseberichte, Karten und erste Auswanderungsratgeber gab. John Smith, der Held aus den Anfangsjahren der Kolonie Virginia, verfasste Erlebnisberichte, die nicht allein seiner eigenen Rechtfertigung und Selbstdarstellung dienten, sondern auch für Nordamerika warben, als das Land der Hoffnungen und Träume, in dem Milch und Honig flossen, immergrüne Sommer herrschten und praktisch ohne Mühen bebaubares Land nur auf die eifrigen englischen Bauern wartete. Die alltäglichen Schwierigkeiten des Pionierlebens wurden jedoch meist verschwiegen.
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