In der Antike nannte man Süditalien mit den Landschaften Kampanien, Apulien und Kalabrien das “große Griechenland” (Megále Hellás im Griechischen, Magna Graecia im Lateinischen). Der Erfinder dieser Bezeichnung ist nicht bekannt. Zweifellos gehörte er aber zu den griechischen Siedlern in Italien, die so stolz auf die Fruchtbarkeit der Region, das günstige Klima, die Vielzahl der Städte, die grandiosen Tempelanlagen und auch auf die vielen hier tätigen Künstler und Gelehrten waren, daß sie ihre neue Heimat für größer und bedeutender hielten als das alte Hellas. Und nicht viel bescheidener dürfte die Selbsteinschätzung jener Griechen ausgefallen sein, die in anderen Teilen des westlichen Mittelmeerraums neue Wohnsitze gefunden hatten – auf der Insel Sizilien vor allem, aber auch in Südfrankreich, wo Griechen Massilia, das heutige Marseille, gründeten, und in Spanien.
Die Begeisterung kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Griechen durchaus nicht freiwillig nach Westen gezogen waren. In der Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. war das griechische Mutterland in eine schwere Krise geraten. Ein rapider Anstieg der Bevölkerung sorgte damals in vielen Städten für erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten. Zudem kam es immer wieder zu politischen und sozialen Unruhen. So blieb für viele Menschen nur der Ausweg, die Heimat zu verlassen und sich nach neuen Siedlungsplätzen umzuschauen. Aber wohin sollten sie gehen? In der Nachbarschaft waren die besten Plätze schon besetzt, nachdem die kleinasiatische Ägäisküste schon 200 Jahre zuvor von Griechen besiedelt worden war.
Manche zog es daher an die Dardanellen und an den Bosporos, wo sie die Stadt Byzanz gründeten, oder noch weiter an die Küsten des Schwarzen Meeres. Doch längst hatte man auch schon Nachricht von den Gebieten im Westen des Mittelmeerraums. Seefahrer und Händler berichteten von fruchtbaren Küsten und günstigen Häfen, widerstanden dabei nicht der Versuchung, manche abenteuerlichen Geschichten zu erfinden, die den fernen Westen für die Griechen aber nur noch interessanter machten. Homers Erzählungen in der Odyssee reflektieren solche frühen maritimen Erfahrungen der Griechen in den westmediterranen Regionen. Bis heute fehlt es nicht an durchaus seriösen Versuchen, die Irrfahrten des Odysseus genau zu lokalisieren und beispielsweise die Geschichte von Skylla und Charybdis in der Meerenge von Messina anzusetzen. Allerdings beweist die Menge der sich im Angebot befindlichen Theorien, daß hier noch viel Arbeit zu leisten ist.
Man hat sich daran gewöhnt, diese Auswanderungswelle in Richtung Westen, die immerhin gut 200 Jahre, also bis etwa zur Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr., andauerte, als die “Große griechische Kolonisation” zu bezeichnen. Jedoch ist es empfehlenswert, sich dabei von den modernen Implikationen des Begriffs “Kolonie” zu lösen. Hinter der griechischen “Kolonisation” stand keine zentrale, steuernde Organisation und Konzeption, und es fehlte hier auch an der aus der Neuzeit bekannten imperialen Zielsetzung. Es handelte sich um Einzelaktionen griechischer Städte, indem sich meist nicht mehr als 200 unverheiratete, jüngere Männer unter der Führung eines Adligen zusammentaten, ein Schiff ausrüsteten und in die Ferne segelten, um den wirtschaftlichen Zwängen und politischen Turbulenzen der Heimat zu entkommen, in der Fremde ihr Glück zu suchen und eine neue Existenz aufzubauen.





