Am 10. Mai 1873 stellte die Berliner Börse ihre Geschäfte ein, nachdem eine Reihe von spekulativen Unternehmungen und großen Kursverlusten gescheitert waren. Ausgelöst worden war die Krise unter anderem von dem Zusammenbruch des größten deutschen Konzerns: Zwischen 1871 und 1875 kollabierten die Eisenbahnunternehmungen von Bethel Henry Strousberg Stück für Stück. Wer war dieser Strousberg, der zeitweilig Gesprächsthema Nummer Eins in Europa wurde? Geboren wurde er als Baruch Hirsch (später Bethel Heinrich) Strausberg am 20. November 1823 im ostpreußischen Neidenburg. Er entstammte einer bürgerlichen, jüdischen Familie, die ursprünglich vom Landhandel und der Schächterei lebte, dann mit den Einkünften aus einer Rechtskonsulentenstelle auskommen mußte. Früh verwaist, begann er im Geschäft seines Onkels in London eine Kaufmannslehre. 1839 anglisierte er seinen Namen in Bethel Henry Strousberg und konvertierte zur anglikanischen Kirche; 1845 heiratete er die Kaufmannstochter Mary Ann Swan. Er bildete sich als Autodidakt weiter, schrieb Beiträge für englische Zeitungen und gab eigene Magazine heraus. Außerdem engagierte er sich bei den Building Societies (Bausparkassen) und übernahm bald leitende Funktionen bei Lebensversicherungen. Obwohl er Gelder der Bausparkassen veruntreute und zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, glückte der Aufbau einer bürgerlichen Existenz. Doch der fast schon in Vergessenheit geratene Skandal um seinen Betrug drang 1854 erneut an die Öffentlichkeit und zwang ihn zur Rückkehr nach Deutschland. Seine Versuche, sich in Deutschland zu etablieren, waren erfolgreich, als die Wirtschaftskrise von 1857 schließlich überwunden war. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wuchs auch der Verkehr, und es herrschte ein großer Bedarf an neuen Eisenbahnlinien in den Industrierevieren Deutschlands. Für Privatunternehmer galt es jedoch einige Hindernisse zu überwinden. Zwar hatte die seit der Revolution von 1848 betriebene sukzessive Verstaatlichung der Eisenbahnen ein vorläufiges Ende gefunden. Doch nach wie vor lasteten die Restriktionen des Eisenbahngesetzes von 1838 schwer auf dem Eisenbahnbau. Die in diesem Gesetz verankerte staatliche Aufsicht verursachte hohe Planungs- und Baukosten und engte den Aktienhandel erheblich ein. In der auflebenden Konjunktur der 60er Jahre wurden Unternehmer gesucht, die diese Hürden bewältigen konnten. Strousberg brachte die besten Voraussetzungen dafür mit: Seine journalistischen Fähigkeiten prädestinierten ihn für eine erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit, als Versicherungsberater hatte er moderne Finanzierungsmodelle kennengelernt und selbst entwickelt, und als allseits interessierter Wirtschaftspublizist war er mit den neuesten logistischen Errungenschaften des englischen Eisenbahnbaus vertraut. Der Zufall brachte Strousberg 1861 mit einer englischen Delegation in Kontakt, die ihr Kapital im preußischen Eisenbahnbau anlegen wollte, und bisher an den Hürden des preußischen Eisenbahngesetzes gescheitert war. Für sie entwickelte Strousberg einen Weg, die gesetzlichen Vorschriften zu umgehen – das “System Strousberg”: Der Bau der Eisenbahnstrecke wurde einem Generalunternehmer übertragen, der mit Aktien der Gesellschaft bezahlt wurde; dieser Generalunternehmer konnte die Aktien unter Wert weiterverkaufen, was den Gesellschaftern selbst untersagt war. Die Lösung genügte dem Eisenbahngesetz nur noch formal, fand jedoch die Zustimmung des preußischen Handelsministeriums. Auf diese Weise erhielt Strousberg mit Hilfe englischer Anleger tatsächlich die Konzession für den Bau mehrerer Bahnen in Ostpreußen und zeigte, daß privater Eisenbahnbau wieder möglich war. Zwischen 1863 und 1868 folgten weitere Eisenbahnprojekte in Ostpreußen, von Berlin nach Görlitz, in Breslau, Halle und Hannover. Insgesamt baute Strousberg binnen weniger Jahre allein in Preußen 1700 Kilometer bzw. 15 Prozent des damals 11000 Kilometer umfassenden preußischen Eisenbahnnetzes. Die Gewinne aus diesen Bahnen bildeten die Basis zur Ausweitung seiner Unternehmungen nach Ost- und Südosteuropa. Er baute Bahnen von Ostpreußen nach Rußland und in Ungarn. Das größte Projekt – nicht weniger als vier Bahnlinien – verfolgte er in Rumänien. Da er das Projekt in einer Zeit begann, als der Kapitalmarkt aufgrund des forcierten Eisenbahnbaus in allen europäischen Ländern leergefegt war, aquirierte er Geld in großem Umfang beim preußischen Adel sowie über breit gestreute Aktien bei zahlreichen Kleinanlegern. Doch Strousberg beschränkte sich nicht auf den Eisenbahnbau. Innerhalb von nicht einmal drei Jahren errichtete er errichtete erstmals in Deutschland einen vertikalen Konzern, der Erz- und Kohlegruben, Steinkohlenzechen und Kokereien umfaßte. Dazu kamen Hüttenwerke und ein Hochofenwerk mit Stahl- und Walzwerken zur Herstellung von Schienen sowie Maschinen- und Lokomotivfabriken, in denen Lokomotiven im Fließbandverfahren montiert werden konnten. Überall rationalisierte Strousberg die Produktion, stellte aber zugleich auch viele neue Arbeiter ein und ergänzte sein unternehmerisches Handeln durch einen umfangreichen Katalog an sozialpolitischen Maßnahmen. Er gründete Schulen, Kranken-, Spar- und andere Unterstützungskassen, verkürzte die tägliche Arbeitszeit und baute Werkswohnungen. Das sorgte für große Aufregung in der Öffentlichkeit, sicherte ihm jedoch die Ruhe in der Belegschaft, die notwendig war, um seine zahlreichen Unternehmungen weiter entwickeln zu können…





